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Farewell Hundstage

1. September 2009

Die Ferien gehen zu Ende. Farewell Martha´s Vineyard. Der Rhetorik-Blogger ist wieder in Berlin. Die Herbstsaison beginnt, in acht Tagen auch das Internationale Literaturfestival. Der Wahlkampf ächzt in die Gänge. Aber was für Gänge? Die nächste handelsblatt.com-Kolumne wird sich mit dem am meisten missverstandenen Wort des Wahlsonntags beschäftigen.

Alles geht seinen Gang. Aber das sieht nur so aus. Am 15. September wird Barack Obama in Pittsburgh vor der AFL-CIO Tagung reden. Die Gewerkschaften erwarten von ihm Tacheles zur Konjunkturpolitik und zur Gesundheitsreform. Es wird auch anzuerkennen sein, welche Opfer die Chrysler und GM-Arbeiter für die Sanierung geleistet haben.

Es kann sein, dass der Präsident den Preis für sein Wahlversprechen höher schraubt, die arbeitgeberfinanzierte Krankenversicherung nicht zu besteuern. In der amerikanischen Politik wird das, was bei uns Paketeschnüren heißt, sausagemaking genannt. Wenns da um die Wurst geht (und darum, was reinkommt), kann es sein, dass dieses Wahlversprechen verhandelbar wird. Alle müssen Opfer erbringen, damit das Land fairer wird und künftige Generationen nicht unter Schulden erdrückt. Das verstehen auch Gewerkschafter.

Die Erwartungen wachsen, dass Obama und seine Redenschreiber dafür ein framing finden, das die Hetzkampagne der Rechten ausmanövriert.

Die Gerüchteküche verbreitet, dass der Gouverneur von Massachusetts den einstigen Präsidentschaftskandidaten Michael Dukakis als Interimsnachrücker für Edward Kennedy benennt. Das wäre ein interessantes Manöver. Man erinnert sich von fern an den detailversessenen Aktenfresser, der gegen den frisch massierten Bush senior beim zweiten TV-Duell wie ein eingerosteter Nussknacker wirkte.

Und das andere Gerücht will wissen, dass Rahm Emanuel in zwei Jahren Mme Speaker Pelosi beerben will. Die Quelle ist der unter Anklage stehende Gouverneur von Illinois, also nur mit Vorsicht zu genießen. Der Deal klingt zu gut, um ganz falsch zu sein. Wenn Rahmbo als Speaker loyal zu Obama bliebe, könnte er ihm ein Jahr als lahme Ente ersparen. In dieser Regierung bleibt nichts dem Zufall überlassen.

Die jüngste Videoansprache Obamas könnte von Thomas Pynchon geträumt worden sein. Ihr eigentlicher Anlass ist der Jahrestag von Hurricane Katrina, der New Orleans verwüstet hatte. Es gibt erfreuliche Nachrichten vom Wiederaufbau, aber – hast du nicht gesehen – hüpft Obama wie Sarkozy bei seiner Kongress-Rede in Versailles durch eine Landschaft voller Katastrophen (Waldbrände, Erdbeben, Hurricane, Terroristen, Schweinegrippe) – nur um die Kurve zu kriegen, dass das Land am besten durch eine gut und effektiv arbeitende Regierung zu schützen sei. Gelernte Paranoiker schnallen sich jetzt besser wieder an.

Ariana Huffington fordert Obama dazu auf, in der Gesundheitsreformdebatte die reset Taste zu drücken. Sie spannt ihren  Bogen sehr weit – von den frisch erstarkten Superbanken, die seit der Krise noch größer geworden sind und ohne wirksame Kontrollmechanismen wieder große Räder drehen, über Finanzminister Tim Geithner, der sie an Baghdad Bob erinnert, zu Ted Kennedys Tod und seiner Moral von der Geschicht. Das Kommentariat beendet die Saison der Hundstage durch Weitschweifigkeit.

Gut so. Paul Krugman bläst zur Attacke. Bei diesem klugen Mann weiß man nie, ob ihn die Lust am Streit nicht auch mal aus der Kurve trägt. Heute sehnt er sich zurück nach Richard Nixons Gesundheitsreform – die nicht zustande kam, aber konsequenter durchdacht war als das bisherige Entwurfs-Tohuwabohu (bei uns nannte man sowas Eckpunkte…). Krugman fürchtet, das Land sei inzwischen unregierbar – wegen starker Lobby-Interessen und verrückter Politiker. Er schickt mit seiner Kolumne dem Weißen Haus einen Hallo-Wach-Ruf: "I’m not saying that reformers should give up. They do, however, have to realize what they’re up against. There was a lot of talk last year about how Barack Obama would be a “transformational” president — but true transformation, it turns out, requires a lot more than electing one telegenic leader. Actually turning this country around is going to take years of siege warfare against deeply entrenched interests, defending a deeply dysfunctional political system."

 Zurück an die Arbeit!

 

 

 

 

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Sommertheater? Mythen-Dekonstruktion

20. August 2009

Die politische Debatte über die Gesundheitsreform wird immer heißer. Im Eifer der Debatte verselbständigen sich Aspekte des komplizierten Themas. Hyperkomplexität – um mit Norbert Elias zu argumentieren – könnte durch die Vielzahl daran beteiligter Interessen als zivilisatorischer Fortschritt begrüßt werden.

Es gibt allerdings eine Hyperkomplexität, die systemische Risiken aufwirft, die aber vielleicht durch Wettbewerb begrenzt werden können. Der gesundheitsindustrielle Komplex Amerikas ist ein Beispiel dafür. Die systemischen Risiken sind aktenkundig: explodierende Haushaltsdefizite, Bankrott gehende Unternehmen und Privathaushalte, 47 Millionen unversicherte Amerikaner, regionale Versicherungsmonopole in vielen amerikanischen Bundesstaaten mit Marktanteilen über 80 Prozent, hohe Inflation der Gesundheitskosten.

In den vergangenen hundert Jahren wurde jeder Versuch einer politischen Reform niederkartätscht. Immer mit den gleichen Schlagworten, immer auf Furcht und Schrecken setzend, immer medial munitioniert für die Desinformation der Öffentlichkeit.

Kein Wunder, dass die Obama-Regierung eine Kommunikationsstrategie fährt, die man bisher eher bei zivilgesellschaftlichen Organisationen findet. Das jüngste Beispiel ist die Seite Realitätscheck. Hier argumentiert die Regierung gegen weit verbreitete Vorurteile und versucht, einer Furcht und Schrecken verbreitenden Kampagne seitens der extremen Rechten zu begegnen.

Damit nicht genug. Obama befindet sich in einem fast unlösbar scheinenden Dilemma. Während er weiter auf eine überparteiliche Lösung im Kongress (im Finanzausschuss des Senats) setzt, verprellen ihn diese Wunschpartner. Noch härter gerät er unter Kritik der Linksliberalen, die rigoros auf einer public option (also einer öffentlich finanzierten Krankenversicherung) bestehen. Schließlich gibt es da auch noch die sogenannten moderaten Demokraten (die blue dogs), deren Positionen sich nicht sonderlich von den Republikanern unterscheiden. Wenn das so weitergeht, schaffen es die Demokraten wie schon 1994, ihre Mehrheiten in beiden Häusern des Kongresses mit Karacho wieder zu verlieren. 

Obamas Auftritt gestern Nachmittag bei OFA, seiner Graswurzelorganisation, war bemerkenswert. Hier zeigt der community organizer in chief, worin sein besonderes politisches Charisma besteht. Er redet seine Anhänger nicht besoffen. Er greift nicht zu Tricks und Kniffs.

Obama redet Tacheles. Mit dem Wahlsieg habe der Kampf erst angefangen. Dass es Widerstände gegen seine Agenda gibt, damit sei zu rechnen gewesen. Dass dabei Tricks, Verleumdungen und Verdrehungen eingesetzt werden, sei kein Wunder. Dann legt er seinen Graswurzlern dar, wie sie Einwänden und Gegenargumenten gegen die Gesundheitsreform begegnen können. Dass ihnen dabei immer mal wieder die Tür vor der Nase zugeschlagen werde, kenne er aus eigener Erfahrung.

Zu Beginn dieses Treffens gaben die OFAs einen Überblick, was sie seit dem 6. Juni auf die Beine gestellt haben: 1,5 Millionen Graswurzler haben sich engagiert. Es hat fast 12.000 örtliche Veranstaltungen gegeben. Sie haben über 230.000 persönliche Geschichten gesammelt. 64.000 Graswurzler haben die Wahlkreisbüros ihrer Kongressabgeordneten besucht.

Das kann die Medienkampagnen in den Kabelsendern, bei Fox und bei Rush Limbaugh kaum entkräften.

Nun zurück zu den Argumenten für eine Gesundheitsreform. Die folgenden Punkte beziehen sich auf einen Beitrag von Gabor Steingart, der Obamas Kommunikationsstrategie als rhetorische Pflichtlügen (noble lie) bezeichnet

Der status quo ist nicht zu halten. An ihm festzuhalten unverantwortlich, weil die Kosten nicht nur aus dem Ruder laufen, sondern die Haushaltsdefizite überborden lassen. Dem widerspricht auch Steingart nicht.

Pflichtlüge 1: Keiner spürt etwas. Es gebe keine Rationierung von Gesundheitsleistungen. Steingart übersieht die economies of scale: Selbst wenn die public option eine  Prämie von nur 200 Euro pro Kopf monatlich kostete, wäre das ein Jahresbeitragsvolumen von über 110 Mrd. Dollar. Die Prämie liegt aber eher höher. Wer das nicht bezahlen kann, wird dabei unterstützt. Hinzu kommt, dass die Mehrzahl der 47 Mio. Nichtversicherten gesund und jung und munter sind, keine fußkranken Kostentreiber für Gesundheitsausgaben. Ihre Aufnahme in den Kreis der Versicherten entlastete auch die privaten Versicherungen von einer schlechten Risikostruktur. Die Diskussion über Rationierungen im Gesundheitswesen beherrscht die Debatten in allen westlichen Industriestaaten. Das ist aber nicht der Punkt. In Amerika wie in Deutschland gibt es nach wie vor unendliche Verschwendung im bestehenden System: Mehrfachuntersuchungen, unzureichende Dokumentation, katastrophale Weiterbildung – bis der medizinische Fortschritt in der niedergelassenen Praxis ankommt, können 17 Jahre vergehen …

Pflichtlüge 2: Kein Rotstift. Keine gekürzten Leistungen. Steingart übersieht, wie sehr sich Obama als fiskalpolitischer Falke positioniert hat. Er hat immer wieder betont, er werde kein Gesetz unterzeichnen, das nicht defizitneutral sei (was immer das heißen mag, zugegeben, aber dafür gibt es den congressional budget office, der das vorrechnet). Es gibt weitere Kostentreiber wie etwa die irrsinnigen Prämien der Ärzte für Versicherungen gegen ärztlichen Pfusch, mangelnde Prävention, Fehlanreize in der Vergütung von Ärzten und Krankenhäusern….

Pflichtlüge 3:  Keine Steuererhöhung. Da hat Steingart einen Punkt gemacht. Im übrigen will Obama nicht die Steuern derjenigen erhöhen, die mehr als 250.000 Dollar im Jahr verdienen, sondern den Prozentsatz, zu dem sie Spenden für gemeinnützige Zwecke von der Steuer absetzen können, auf die Höhe zurückschrauben, die diese Steuervergünstigung unter Ronald Reagan hatte. Wenn es am Ende des politischen Ringens zwischen Kongress und Präsident zu der Konferenz kommt, bei der die Gesetzentwürfe des Kongresses und des Senats zusammengestrickt werden müssen (das ist das sausagemaking der Legislative), dann kann Obama – als fiskalpolitischer Falke – gute Miene zu einem Spiel machen, bei dem er den Preis in seiner Präsidentschaftskampagne hoch angesetzt hat: die steuerbefreite von den Arbeitgebern finanzierte Krankenversicherung. Die Debatte darüber erinnert etwas an die hiesige Kontroverse über Steuerrabatte bei Feiertags- und Nachtarbeit usw. Das Argument ist in der nationalen Debatte in Amerika vorbereitet: Jeder wird seinen Beitrag leisten für das Ziel einer fiskalisch verantwortlichen Gesundheitspolitik.

Pflichtlüge 4: Keine neuen Schulden. Hier übersieht Steingart andere mittelfristigen Folgen der Gesundheitsreform. Wenn es tatsächlich gelingt, anders als bei der Krampfgeburt der deutschen Versichertenkarte die Patientendaten so zu elektronisieren, dass Datenschutz gewährt wird und Mehrfachuntersuchungen vermieden werden, dann ist mit Einsparungen zu rechnen. das gilt ebenso für die Kalkulation vermiedener Gesundheitsausgaben durch erfolgreiche Prävention. Diese Daten gehen in die CBO-Berechnungen nicht ein. Zuletzt wurde im übrigen bekannt, dass eine Reihe von sogenannten Leistungserbringern (Pharmaindustrie, Ärzteverbände, Krankenhäuser) bereits deals mit der Regierung verabredet haben, die  die erforderlichen Einsparungen zu ihren Lasten begrenzen – aber damit auch für den Kongress kalkulierbar machen.

Pflichtlüge 5: Das Defizit werde abgebaut. Die jüngsten Angaben des Haushaltsdirektors zeigen, dass das Defizit schon im laufenden Jahr fast 270 Mrd. Dollar geringer sein wird, als ursprünglich angenommen. Medicare wird durch die Babyboomer unter Stress gesetzt, kein Zweifel, aber da werden Versicherungssubventionen in Höhe von 17 Mrd. Dollar jährlich gestrichen.

Pflichtlüge 6: Keine Zumutungen für die Pharmaindustrie. Die Deals mit der Industrie sind in trockenen Tüchern, deshalb finanziert sie ihre eigene Pro-Reform-Kampagne. Es bleibt abzuwarten, wie weit sich der Kongress bei der Suche nach Sparoptionen an den Deal gebunden fühlt, den der Vorsitzende des Finanzausschusses im Senat ausgehandelt hat.

Resümee: Mit einer semantisch kleinen Kurskorrektur hat Obama vor über sechs Wochen damit begonnen, die Stoßrichtung für den heißen legislativen Herbst zu korrigieren. Es heißt jetzt health insurance reform. Das Gesetzpaket bekommt ein neues Etikett: Es geht um Verbraucherschutz vor übermächtigen, in regionalen Märkten monopolartigen Anbietern, die mit ihrem Kleingedruckten sich immer dann aus der Affäre ziehen, wenn es zu teuren Ausgaben kommt.

Dafür findet Obama öffentliche Zustimmung. Es gibt keine amerikanische Familie, die nicht Horrorgeschichten darüber erzählen kann.

Dennoch gibt es Gründe für zunehmende Skepsis. Die finden sich in der Verselbständigung einer Todesspirale für das Vorhaben in der veröffentlichten Meinung. Der Medienmarkt in Amerika kann Obamas Killermamba werden. Graswurzler und OFA allein können das nicht konterkarieren.

Das persönliche Kapital des Präsidenten ist noch nicht verbraucht. Er muss es in die Waagschale werfen und seinen Parteifreunden im Kongress klarmachen, dass sie im nächsten Jahr nur mit ihm gewinnen. Nicht aber gegen ihn.

 

 

 

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Too big to fail

22. Juni 2009

Die Distanz zum laufenden Betrieb hat sich gelohnt. Weit ab vom Schuss, mit einem gut sortierten Kalender und einem aufgeräumten Archiv eröffnet sich dem Betrachter ein neuer Blick auf das große Tableau des politischen und damit auch des rhetorischen Managements im Weißen Haus (das FLOTUS gerne the people´s house nennt, letztens wieder bei einem Jazzkonzert).

Paul Krugman und Maureen Dowd können bald darüber räsonnieren bzw. Witze reißen, dass Obama die Kernschmelze des Finanzsystems als Konstruktionszeichnung für seine politische Agenda nutzt. Die Devise ist einfach. Akkumuliere haufenweise symbolisches Kapital (als Herrchen eines wasserdichten Hundes, als fürsorglicher Papa und Vater der Nation, als Gatte von FLOTUS,  als community organizer in chief und bodysurfer, als Friedensfürst und auch als Redner). Lade dir die großen Themen auf den Tisch, die deine Vorgänger in den letzten Jahrzehnten nicht angerührt hätten oder an denen sie gescheitert sind (Jahrhundertrezession, Gesundheitsreform, industrielle Erneuerung, Bildungspolitik, Klimawandel, Regulierung des Finanzsektors, AfPak, Nahost, Iran  …).

Setze im System der checks & balances die Legislative unter Vollzugszwang (time to deliver). Gewinne aus Norm Eisens neuen Lobbying-Regeln kritische Masse für Verhandlungen. Wenn der Druck groß genug ist oder deine Gegenspieler aus Wankelmut zu kurz springen, zeige ihnen, zu welchen deals du bereit bist. Dann ist es soweit.

Dann bist du too big to fail. Sie hauen dich raus, weil zu viel auf dem Spiel steht. Sie werden auf deine Karten setzen. Das Töten einer Fliege vor laufender Kamera (I got the sucker) war nicht das I-Tüpfelchen, sondern die darauf folgende FrageWhat do you think, Gibbs?

Dieser Mann überlässt nichts dem Zufall. Die Fliege kam wie bestellt.

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D-Day

11. Juni 2009

Die Verspätung sei verziehen. Der Verfasser war während Obamas historischer Blitzreise von Riadh über Kairo nach Dresden, Buchenwald und in die Normandie auch auf Reisen. Nun kommen wir zurück auf Obamas D-Day-Rede am Omaha Beach.

Vor kurzem klagte ein Kolumnist der New York Times darüber, dass Obama noch keine prägnanten Formeln geprägt habe, wie sie manchen Präsidenten zu verdanken seien. Wir können nach inzwischen über einhundert Reden und Grußworten eine These wagen, warum das so ist. In Zeiten, die Stillosigkeit als Stil pflegten, wären manche Reden Obamas als "overwritten" bezeichnet worden. Irgendwann werden sich die Linguisten über das Datenmaterial hermachen, Häufigkeiten analysieren und Thesen entwickeln. Wir liefern ihnen heute am Beispiel der D-Day-Rede ein paar Hinweise, wo sie fündig werden könnten.

Ein beliebtes Stilmittel Obamas ist das Alliterieren. Party posturing partisanship against purposeful policies for the people wäre so etwas. Zugegeben, ich habe diesen Satz erfunden. Obama hat die Präzedenz in einer Videoansprache geliefert. Bei der D-Day-Rede ist es eine Kette von w-Alliterationen: "The sheer improbability of this victory is part of what makes D-Day so memorable. It also arises from the clarity of purpose with which this war was waged."

Hören Sie diesen Rhythmus "with which this war was waged" ? Die Rede wimmelt von bedeutungsvollen Alliterationen: deemed different, death and destruction, serve and sacrifice, planning and preparation usw.

D-Day ist die historische Alliteration des Datums selbst, die Obama zu dieser bewegenden Rede inspirierte. "For as we face down the hardships and struggles of our time, and arrive at that hour for which we were born, we cannot help but draw strength from those moments in history when the best among us were somehow able to swallow their fears and secure a beachhead on an unforgiving shore."

Der Präsident ist in seinen Reden Erzähler. Als griot transportiert er mehr, als auf soundbytes setzendes formelhaftes Reden leisten kann. Der griot Obama erweist sich in solchen Momenten als Bewahrer der Geschichte. Wir lesen, sehen und hören diese Gedenkansprache auch als Evokation der Herausforderungen, die noch auf uns warten.

 

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Reden für eine Neue Welt

10. Juni 2009

Der folgende Text dokumentiert einen Vortrag, den der Verfasser am 6. Juni 2009 in Berlin bei der Jahrestagung des Verbands der Redenschreiber deutscher Sprache gehalten hat.

Am 4. November 2008 fahre ich von Berlin nach Reinhardtsgrimma. Am nächsten Morgen halte ich dort ein Seminar für Redenschreiber. Ich verbringe die Nacht bis fünf Uhr morgens vor dem Fernseher – bis zur Siegesansprache Barack Obamas.

„Hallo Chicago, gibt es da draußen noch jemanden, der daran zweifelt, dass in Amerika alles möglich ist? Gibt es jemanden, der sich fragt, ob der Traum unserer Gründerväter auch heute noch lebendig ist, gibt es jemanden, der an der Macht der Demokratie zweifelt? Der hat heute Nacht eine Antwort auf seine Fragen erhalten.
Die Warteschlangen vor den Wahllokalen haben die Antwort gegeben, Leute, die drei oder vier Stunden darauf warteten, womöglich zum ersten Mal in ihrem Leben überhaupt wählen zu gehen, weil sie glaubten, dass es dieses Mal anders sein müsste, weil sie daran glaubten, dass dieses Mal ihre Stimmen den Unterschied ausmachten.“

Am nächsten Morgen analysieren die Seminarteilnehmer die Rede Obamas. Ihre Kritik an dem Pathos ist rigoros. Ihre Reaktion erinnert mich an Hermann Lübbes Diktum über die politische Kultur der 50er Jahre, die Jahre des, wie er sagte, „kommunikativen Beschweigens“. Jede Generation entwickelt ihre eigenen Abneigungen.

An diesem Morgen entsteht die Idee für ein Projekt, das ich im Januar 2009, am Tag der Amtseinführung von Barack Obama, beginne. Seither schreibe ich den Rhetorik-Blog „Reden für eine Neue Welt“. Inspirationsquelle für den Titel ist Thomas Paines „Common Sense“.

Die Routinen des Bloggers sind überschaubar: Zur Pflichtlektüre gehören die großen deutschen und internationalen Tages- und Wochenzeitungen, ein paar große, ein paar kleine feine Online-Medien, der tägliche Besuch der Webseite des Weißen Hauses. Wird der Blogger fündig, wird er tätig, manchmal auch tätlich.

Immer mal wieder besucht der Rhetorik-Blogger auch unsere Bundeskanzlerin. Bei diesen Besuchen wird der Blogger fast immer fündig. Der Blogger ist ein pessimistischer Mensch. Er sieht, wie das politische Personal seinen Halt in atemloser Jagd findet. Er erinnert sich daran, dass der Bundesfinanzminister bei dem Blick in die Bücher einer inzwischen verstaatlichten Bank in einen Abgrund geblickt habe.

Der pessimistische Blogger hält es für Aberglauben, dass aus Geschichte zu lernen sei. Er ist alt genug und versteht deshalb, dass jede neue Generation es für ihr Vorrecht hält, ihre eigenen Abneigungen auszubilden und ihre eigenen Fehler zu begehen. Er wünscht nachwachsenden Generationen eine glücklichere Hand dabei.

Der pessimistische Blogger verfügt über ein absolutes Gehör. Das hat er als Musiker gepflegt, als Sohn eines protestantischen Pfarrers aus der Musik auf die Sprache übertragen, auch auf solche Sprachen, die außer ihm niemand je sprechen wird, Augenblickssprachen verwirrter Gefühle für Herbstspaziergänge am nebligen Niederrhein, mit dem jagenden Hund als einzigem Zuhörer.

Das Gehör ist die Quelle seiner Abneigungen, wird zum Fundament seines Pessimismus, dient ihm als Wünschelrute bei der Suche nach schiefen Tönen, Worten und Bildern in den Reden unserer politischen Klasse. Ihre Spezialität, mit vielen Worten fast nichts zu sagen, liefert dem Blogger die Schübe. Dann juckt es ihm in den Fingern. Dann kennt er kein Halten mehr.

Im Jahr 2004 taucht fern da draußen in Amerika diese schwarze Lichtgestalt am Horizont auf. Da hört man auch in Deutschland zum ersten Mal von Barack Obama, der die Eröffnungsrede auf dem Parteikonvent der Demokraten hielt. Ich habe seither Obamas Bücher gelesen und seine Reden.

Die Irritation meiner Seminarteilnehmer gibt den letzten Anstoß für meine Verwandlung in den pessimistischen Blogger. Seither halte ich meinen Pessimismus in Schach. Manchmal ist es auch umgekehrt.

Mein Blog arbeitet mit wenigen Annahmen und Fragen. Amerika wird wieder Neue Welt. Welchen Anteil hat daran die rhetorische Kraft Obamas? Können wir aus der Analyse seiner Reden auch zu einem besseren Verständnis der aktuellen Politik gelangen? An welchem Punkt wird Redekunst zu einer bewegenden Kraft? Was kennzeichnet Unterschiede zwischen den rhetorischen Kulturen Amerikas und Deutschlands? Zu welchen Befunden führen die Vergleiche?

Der Kontrast ist ernüchternd und belebend. Deshalb betrachtet der pessimistische Blogger sein Werk als leicht vergiftetes Geburtstagsgeschenk für die Bundesrepublik. Andere Vorruheständler denken in diesem Alter an die neue Hüfte oder ein stabileres Kniegelenk. 

Unser Jubilar aber braucht eine erneuerte Redekultur.

Charismatische Kassandra
Der Präsident legt die Finger in die Wunden seines Landes. Obama ist die erste charismatische Kassandra der Weltgeschichte, auf die ihre Zeitgenossen hören. Warum? Diese Kassandra braucht nichts Schreckliches vorher zu sagen. Die Katastrophe liegt schon hinter uns. Das wissen nicht alle.

Wie Obama die Situation schildert, in der sich sein Land befindet, das ermöglicht eine andere Bereitschaft zuzuhören. Es ist ein Wiedererkennen. In diesen Gospel kann das amerikanische Volk einstimmen. Es hört zu, weil ihm zugehört wird.
Kommunikativ sind die Reden Obamas eingebettet in eine Infrastruktur des Dialogs mit den Bürgern, wie ihn die Welt noch nicht erlebt hat. Der Präsident sammelt persönliche Geschichten. Diese finden Eingang in seine Reden, illustrieren, was Sache ist, und stärken seine Position. Das Geschichtenerzählen wird zum prägenden Element der politischen Rhetorik. Das Volk erzählt und der Präsident verstärkt, was ihm erzählt wird. Damit umgeht er Medien und Kongress, sucht direkt den Kontakt mit den Bürgern, wirbt um Zuspruch für seine Reform-Agenda.

Er überträgt damit eine Methode der Boulevard-Medien auf die politische Rhetorik. Dem Boulevard dient das Ausweiden von Einzelschicksalen als Pranger, dem Präsidenten das Beispiel als argumentative Präzedenz für den Dialog mit den Bürgern.

Das narrative Material der vielen Einzelschicksale ist Rohstoff. Diesen Rohstoff zu verwandeln, in eine lange Welle, die dich trägt, in das Empfinden der Gleichzeitigkeit – darin liegen das nüchterne, auf Argumente bauende Pathos und die Kunst dieses Redners.

Im Vergleich zu Vorgänger Bush oder dem Kommunikator Reagan gibt es einen für amerikanische Verhältnisse erstaunlichen Unterschied: Obama unterwirft seine Politik einer Begründungspflicht. Statt Stummelformeln (Achse des Bösen usw), deren Insinuation sich selbst genügt, gebraucht er Vergleiche, schaut zurück in historische Epochen vergleichbarer Herausforderungen, wird dabei zur Irritation der amerikanischen Medien mitunter langatmig (man kennt das gar nicht mehr, dass Gründe für politische Projekte ausgebreitet werden). Beim amerikanischen Publikum, das seine zivilgesellschaftlichen Traditionen noch nicht entsorgt hat, kommt das an, wie die hohen Zustimmungsraten zeigen.

Es geht Obama nicht darum, dem Publikum etwas einzureden, was es nicht hören will, und das elegant zu verpacken. Es geht um die Chance der Bürger, im politischen Reden etwas wieder zu finden, etwas zu erkennen: was es heißt, wenn es um dich selbst, deine Familie, deine Nachbarn, deine Kollegen geht. Tua res agitur.

Obama lässt keine Gelegenheit aus, den prekären Ist-Zustand seines Landes in Erinnerung zu rufen. So erzeugt er – im Kontrast zum Washingtonesisch – eine weit über das Rhetorische hinausreichende Kongruenz zwischen seinem Bild von der Lage und der Lebenswelt der Leute da draußen. Er verteilt nicht weiße Salbe. Er schmiert schwarze Teersalbe in schwärende Wunden, damit der Abszess endlich aufgeht und die Erholung beginnen möge.

Zur Lage der Nation
Der Bauplan dieser Rede ist die Wiedergeburt der Gegenwart als politischem Handlungsraum. Ohne göttliche Empfängnis. Ohne Beschwörung der Geister. Ohne Predigerton. Mit unverstelltem Blick auf die Trümmer, die beiseite geräumt werden müssen. Mit normativer Strenge die Fehler der letzten Jahrzehnte benennend.

Das alles ohne Rechthaberei, ohne parteipolitische Winkelzüge, ohne eine Sekunde zu vergessen, dass nur gemeinsame Tatkraft den Weg aus der Misere bahnt – als Appell an seine Zuhörer, die beiden Häuser des Kongresses, die politische Öffentlichkeit des Landes.

Wir können die vor uns liegenden Aufgaben lösen. Dafür brauchen wir einen anderen Blick, müssen wir verstehen, welche Folgen eine Politik hat, die nur kurzfristige Ziele verfolgt. Nicht Angst essen Seele auf. Zu kurzer Atem frisst Zukunft.

Ty´ Sheoma Bettea aus Dillon, South Carolina hat einen Brief an den Kongress geschrieben. Bei der Rede zur Lage der Nation sitzt sie an der Seite von Michelle Obama. In ihrem Brief erzählt Ty Sheoma, wie es in ihrer Schule aussieht. Verheerend. Zum Davonlaufen. Ihr Brief aber endet mit dem Satz: Wir laufen nicht davon! We are no quitters.

Zu Recht beschwört Obama mit diesem Zitat die Inspiration, die Tatkraft und Entschlossenheit der Amerikaner. Keine noch so polierte politische Phrase hätte besser auf den Punkt bringen können, worum es geht. In diesem Satz berührt uns der Atem der Geschichte, wächst das Rettende auch.

Pflichtvergessenheit
Der Besuch des Kanzleramtsministers Thomas de Maizière bei der FAZ hat heute die gebührende Antwort gefunden. Offenbar waren auch die Redakteure in Frankfurt entsetzt, als sie hörten: "Die Politik müsse derzeit mit einer Schnelligkeit Entscheidungen treffen, die es nicht gestatte, sie zu erklären oder gar Diskussionen mit den Bürgern über grundsätzliche Entscheidungen zu führen."

Es geht nicht um Blut, Mühsal, Schweiß und Tränen. Angst machen ist schlechte Politik. Wie aber gehen wir mit dem Sachverhalt um, dass ein auf Stabilität und Stabilitätsgesetze von Verfassungsrang gegründetes Gemeinwesen die Grundlagen des politischen Schutzversprechens ins Schwimmen geraten sieht?

Das kommunikative Beschweigen der Krise durch die Bundesregierung hat Systemcharakter. Sprechhülsen aber, persönliche Idiosynkrasien (Pathos kann ich nicht) und Mundwinkel bis zum Knie bieten keinen Ausweg aus dem Dilemma: die eigene Politik den Bürgern erklären zu müssen, auch wenn man selbst an ihr zweifelt.

Der amerikanische Traum dagegen ist Wachzustand. Obama macht vor, was möglich ist: auch dann mit den Bürgern auf Augenhöhe zu reden, wenn dem Präsidenten selbst die Nemesis im Nacken sitzt.

Townhall
Gestern ist Obama nach Elkhart, Indiana, geflogen. Dort hat er in einer Turnhalle gezeigt, wie politische Führung in der Krise aussehen kann. Auf Augenhöhe mit den Wählern. Ohne Moderator. Ohne VIP-Getue. Ohne handverlesene Gäste und bestellte Kuschelfragen. Um keine Antwort verlegen. Ohne zu schwafeln oder in die Wasserdichtsprache zu verfallen, die den Politikbetrieb so unglaubwürdig macht. Souverän auf sehr kritische Fragen eingehend.

Das ist ein neuer Politikstil, von dem (nicht nur) Deutschland lernen kann. So sieht es aus, ja, so muss es aussehen, wenn Politik sich ihrer Rechenschaftspflicht stellt.

Die Missachtung politischen Redens in den Medien
Es scheint bei Journalisten einen blinden Fleck zu geben: Sobald es um politische Rhetorik geht, verzieht sich die Mimik zu einem sichtbaren Stöhnen, als ob sie sagen wollten: Wer nimmt das schon ernst! Zugegeben: Viele Reden von Politikern sind uninspiriert, dröge, überraschungsfrei, könnten, ohne gehalten zu werden, gleich in die Ablage bzw. ins Protokoll wandern – ungehalten, ungehört, unwirksam.

Die Attitüde atmet Dünkel. Wer glaubt, aus eigener Nähe zu politischen Entscheidern ein tieferes Verständnis vom politischen Prozess zu gewinnen, missachtet den politischen Prozess der Demokratie und freien Meinungsbildung. Das ist der Dünkel derjenigen, die ihre Nähe zu den Machthabern missverstehen als Kontrolle der Macht. Tatsächlich aber ist das Kumpanei.

Die Kontrolle findet woanders statt. Alle vier Jahre in der Wahlkabine. Was aber versetzt die Bürger in die Lage, souveränen Gebrauch von ihrem Wahlrecht zu machen? Gute Reden sind unentwegtes Zwiegespräch zwischen Rednern und ihrem Publikum. Multiplizieren oder besser potenzieren Sie die dafür erforderliche Zeit mit der Zahl der Anwesenden. So gewinnen Sie eine Idee davon, was vergeudete Lebenszeit – oder was gewonnene Einsichten wert sein können.

Wer weiß, wie eng getaktet der Tagesablauf unserer Spitzenpolitiker ist, kann auch eine andere Rechnung aufmachen: Jede Rede gibt die Chance, seine Politik verständlich zu machen. Die kritische dichte Analyse dessen, was geredet ist, holt für die politische Meinungsbildung der Zivilgesellschaft nach, was inzwischen bei jedem banalen Kaufvorgang bei ebay oder amazon selbstverständlich ist: Bewerten Sie Ihren Verkäufer!

Wo aber findet in den Medien eine Analyse des politischen Redens statt? Allenfalls als Schmähkritik an dem Stil einzelner Politiker. Wie sinnvoller wäre es, stattdessen wirklich zu analysieren, was gesagt wird, welche Bedeutung dahinter steckt, wenn sie nicht offensichtlich ist. Erst dann kann Kritik substanziell werden.

Reden sind Taten. Es gibt auch Reden, die Untaten sind. Schlechte Reden rauben, vernichten und entwerten unendliche Mengen von Zeit. Sagen wir es mit den Worten Uwe Pörksens: "Reden sind Antworten auf eine Situation, die um so besser gelingen, je genauer sie auf die Situation antworten."

Davos
Angela Merkel war nicht zum Schlittenfahren in Davos. Warum sie es für zweckmäßig hielt, den Werbeslogan von Toyota zu benutzen, um ihre Zuversicht zu dokumentieren, bleibt ein weiteres Rätsel ihrer Rhetorik.

"Die Welt hat schon ganz andere Herausforderungen bewältigt, zum Beispiel die Überwindung der Blöcke. Nichts ist unmöglich", hat die Bundeskanzlerin gesagt. Für eine Politik, die auf Sichtweite und ohne Drehbuch die Krise zu managen versucht, ist das ein kühner Satz. Wenn wir Angela Merkels Mimik folgen, wäre es wohl besser, sich nun anzuschnallen.

Inauguration
Hätte Bundeskanzlerin Merkel eine solche Rede halten können? Könnte Wendelin Wiedeking eine solche Rede halten, wenn bei Porsche Kurzarbeit erforderlich würde? Die Fragen beleuchten einen blinden Fleck in der rhetorischen Kultur der Berliner Republik. Pathos ist entsorgt ins Entertainment. Pathos ist kontaminiert. Pathos ist durch Nazis und Kommunisten desavouiert. Pathos aber heißt nicht, als Minister zu weinen. Pathos trifft einen berührenden Ton.

Seit Uwe Johnson oder Helmut Schmidt wissen wir, dass es auch ein Pathos der Nüchternheit gibt, ein Pathos der Lakonie. Die Entsorgung des Pathos aus Politik und Wirtschaft ins Entertainment ist ein Grund dafür, warum Ruckreden ihr Ziel verfehlen: Indem sie Bewegung beschwören, verfehlen sie ihr vorgebliches Ziel zu bewegen. So gerät eine Regierungserklärung zur Krise zum sedierenden Aktenvortrag. Wahrheit und Pathos aber gehören zusammen und öffnen dem Verständnis und der Bereitschaft zu handeln, nachhaltigere Energiequellen als eine Abwrackprämie.

Persönliche Distanz
Ist Angela Merkels zivil-freundliche Distanz zum amerikanischen Präsidenten, „auch nur ein Mensch" zu sein (der wohl auch nur mit Wasser kocht und bestümmt nicht drüber laufen kann), die Ironie der uckermärkischen Pfarrerstochter zum Erlöser-Hype? Zugegeben: Erlöser gibt’s nicht als Wiedergänger, und schon gar nicht in der Politik. Aber wer als sportlicher Junge auf Hawaii aufgewachsen ist, lernte früh, auf den Wellen des Stillen Ozeans zu reiten – ohne Brett, denn Obama war bodysurfer …

Eine Phantasie
Stellen wir uns vor, die Bundeskanzlerin verteidigte ihre Wirtschaftspolitik mit einem Auftritt in München. In der Residenz. Interviewt von Harald Schmidt. Ok, sie wird keine Witze reißen über Bowling und Baseball oder einen wasserdichten Hund, den sie für ihren Mann kauft, wenn sie vom Londoner Gipfel zurückkommt. Aber Angela Merkel könnte über ihre Wagner-Lieblingsinszenierung reden (Heiner Müllers Tristan und Isolde). Das Sehnsuchtsmotiv. Harald Schmidt spielte sogleich den Akkord auf dem Flügel der Residenz. Sie redeten über Ränkeschmiede, strahlende Helden, sinnlose Opfer. Edmund Stoiber und cher ami Nicolas säßen in der ersten Reihe. Chacun sa merde!

Aber dann im uckermärkischen Tonfall das Gelichter aus der Latüchte scheuchen. Nicht versinken in Selbstmitleid, Klagen und Schuldvorwürfen. Ärmel aufkrempeln. Anpacken. Dafür brauchen wir Helden des Alltags. Tristanakkord kommt schon wieder. Geht nie verloren. Wirtschaftswunder! Filzlatschen aufheben für später, wenns im Alter kalt wird. Das wäre ihr Wink an den größten Oppositionsführer aller Zeiten.

Aber darauf können wir lange warten.

Das ungesprochene Wort
Nimmt man im Bundeskanzleramt zur Kenntnis, dass Barack Obama neue Maßstäbe für das politische Reden auch in Deutschland setzt? Offenbar nicht.

Vergangenen Dienstag hörte ich Angela Merkels Vortrag in der Katholischen Akademie zu Berlin. Das Reden ist für die Bundeskanzlerin ein langer breiter Fluss. Dieser Fluss hat immer einen Anfang, irgendwann auch ein Ende, kennt aber weder Quelle noch Mündung.

Man wird den Eindruck nicht los, dass diese kluge Frau das Prinzip ihrer routinierten SMS-Kommunikation auf das politische Reden überträgt und so Ungesagtes für gemeint, Gemeintes für gedacht und Gedachtes für gehört hält.
Ein Vorschlag für das Protokoll des Deutschen Bundestages: Im Falle der Bundeskanzlerin gilt auch das ungesprochene Wort.

Der leere Raum
Die "Woche globaler Gipfel" hat den Unterschied zwischen unseren Politikern und Barack Obama in den Blick gerückt. Das hiesige Politformelchinesisch, die Reden von Korb fünf, Hartz IV, kassenartenübergreifendem Risikostrukturausgleich sprechen aus dem Jenseits.

Das formelhafte politische Reden erinnert mich an Jean Genets "Tagebuch eines Diebes", an den Versuch des Erzählers, auch im Deutschland des Dritten Reichs als Dieb der zu sein, den das Verbrechen aus ihm gemacht hat. Das sei für den Dieb wie "Stehlen im leeren Raum" gewesen.

Sie reden im leeren Raum. Nobody listening. Das politische Reden aus dem Jenseits ist sich selbst genug. Pfeifen auf dem Weg in den Kohlenkeller. Autosuggestion. Ariadnefaden, um aus dem Labyrinth der komplizierten Sachen herauszufinden. In den erstarrten Formeln wird die politische Sprache selbst zum Labyrinth, in dem ein unersättliches Ungeheuer seine Opfer verschlingt – als Wiedergänger eines Spiels, in dem sie gespielt werden.

Endlich verstehe ich so auch die politische Sprache Angela Merkels. Die Leere ihrer Sprache ist ein mimetischer Trick. Sie bannt den Schrecken. Ihre Video-Podcasts sind das Logbuch ihres Wegs im Labyrinth. Sie blendet das Ungeheuer mit dem eigenen Spiegelbild. Nur nichts falsch machen! Solange greift es ins Leere. Dahinter ihr Lachen für den freien Gang durchs Gehölz. Denn sie kann anders. Franz Müntefering las am Sterbebett seiner Frau Heinz Schlaffer (Das entfesselte Wort). Münte kann auch anders, aber anders.

Zurück zu Obama. Er setzt Maßstäbe. Keine neuen, sondern uralte, die in der Hybris technokratischer Politik ein weißer Fleck auf ihrem Bild von dieser Welt sind. Hic sunt leones. Den Redner Obama nährt die Idee, was die Vielzahl der Geschichten verbindet, die ihm zugetragen werden (40.000 Briefe täglich, von denen er abends zehn liest): die Differenz zwischen dem Zustand der Welt, wie sie ist – und wie sie sein könnte. Ihn nährt die Idee von der Wildheit unserer Träume und Albträume da draußen. (Frau Merkel im Spiegel: "Zum Glück habe ich grundsätzlich keine Albträume." Zum Glück oder grundsätzlich?) Sie sind wie die Wildheit einer pazifischen Monsterwelle, die Dich umhauen oder sehr weit tragen kann. Obama formt diese Wildheit in sein Bild von dieser Welt. Die Zuhörer in Iowa, in Berlin, in Chicago, in Prag und in Kairo hören ihm zu, weil ihr eigener Ton, ihre eigene Geschichte, ihr Gospel erklingt. Comrade Obama singt das Lied davon, was sie bewegen können.

Berührung und Individualität
Obama entwickelt in seinen Reden eine Findetechnik, die keinen unberührt lässt, die in jedem Zuhörer eine Saite zupft. Obama aber überwindet die Angst vor Berührung, ohne aus seinen Zuhörern eine Masse zu machen. Er wendet sich an die Würde ihrer Individualität.

Ein ganz wichtiges Signal
Zu Barack Obamas Prager Rede über eine Welt ohne Atomwaffen sagte die Bundeskanzlerin, mit Blick auf den Iran und die atomare Bewaffnung sei das ein ganz wichtiges Signal.

Frau Merkel ist eine ökonomische Sprecherin. "Ganz wichtige Signale" sind für sie die Forderung danach, die Wahlen in Simbabwe zu verschieben, die europäische Klimaschutzpolitik nach 2012, die Wiedergutmachung der Schäden der Opfer von Straftaten oder auch die hohe Zahl deutschsprachiger Absolventen in gehobenen Positionen der türkischen Politik und Wirtschaft.

In dieser Äquivalenzrhetorik Angela Merkels sehen wir ein ganz wichtiges Signal.

Ausblick
Mein Zweifel, ob das Format dieser Reden den Amerikanern nicht langsam auf die Nerven geht, weicht der Idee, die mich dazu gebracht hat, diesen Blog ins Leben zu rufen. Die Politik und ihr Geschäft erleben selbst einen Paradigmenwechsel. Wir erleben in den kommenden Jahren eine Renaissance des politischen Redens (Demagogie inklusive). Die Komplexität der Aufgaben ist zu groß für knappe Babysprache-Formeln.

Ich sehe in dem feinen Hören, in der Präparierung des Ungesagten aus den soundbites des öffentlichen Redens eine Chance für rhetorische Resensibilisierung – beim politischen Personal wie beim Publikum.

Angela Merkels Misstrauen gegenüber dem politischen Reden hat seine eigene Geschichte. Die Nüchternheit, Kollegen an ihren Taten zu messen, entspringt dem gleichen Reflex, der Reden mit Untaten gleichsetzt. Aus der Vorsicht des gebrannten Kindes setzt sie auf Indifferenzprosa. So will sie in einer Zeit, in der nichts mehr sicher ist, für ihr eigenes politisches Schicksal auf Nummer sicher gehen. Dieser Widerspruch nagt an ihrem politischen Kapital.

Sie könnte mutiger sein.

Ein Besucher meines Blogs mailte mir diesen Witz: Ein Franzose, ein Deutscher und ein Engländer werden von Terroristen entführt. Jeder hat einen Wunsch frei, bevor er getötet werden soll. Oh, sagt der Franzose, ich wünsche mir ein großes Essen. Und ich, sagt der Deutsche, ich möchte eine große Rede halten. Mein letzter Wunsch, sagt der Engländer, mein letzter Wunsch ist es, vorher erschossen zu werden.

Die Arbeit am „Reden für eine Neue Welt“ hat den pessimistischen Blogger in einen skeptischen Optimisten verwandelt.

Unsere Redekultur kann wirklich besser werden.

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