Archiv

Artikel Tagged ‘Willy Brandt’

Lakonie

30. August 2011

Moral-Rhetorik

13. August 2011

"Wie fasst man Ohnmacht so in Worte, dass sie Mut machen können?"

Mit dieser Frage beschreibt Egon Bahr heute in der "Welt" die Aufgabe, nach dem Mauerbau eine Rede für Willy Brandt zu schreiben. Brandt hielt die Rede am 16. August 1961 vor dem Schöneberger Rathaus. Hier finden Sie den O-Ton der Rede aus dem RIAS-Archiv.

Es dürfte in den kommenden Wochen und Monaten weitere Gelegenheiten geben zu rhetorischen Übungen moralischer Not.

"Lasst Euch nicht zu Lumpen machen!" Dieser Appell Brandts an die persönliche Ehre dokumentiert die Tiefe einer rhetorischen Dialektik, die sich individuell an jeden richtet, der im Sicherheitsapparat seine Funktion erfüllte, eine Aussage zugleich, die ein moralisches Urteil fällte und so die Ohnmacht zu kompensieren versuchte.

Könnte Angela Merkel so eine Rede über die Turbulenzen der Finanzmärkte halten, die nichts Anderes tun, als die Völker Europas in Geiselhaft zu nehmen?

Vielleicht. Aber es gibt im Umfeld der Bundeskanzlerin niemanden wie Egon Bahr. Der Kanzlerin fehlt nicht der persönliche Mut. Ihre Rhetorik aber erlaubt keine Dialektik in actu. Merkels Dialektik folgt der Logik verteilter Systeme, eine Dialektik verwischter Spuren.

Abwehrzauber, aggiornamento, Angela Merkels Rhetorik, Politische Rhetorik , ,

Persönlichkeit und Politik

8. Juli 2010

Dieses Posting dokumentiert einen Vortrag, den ich in der vergangenen Woche an der Universität Bremen hielt.

Am 4. November 2008 fahre ich von Berlin nach Reinhardtsgrimma. Am nächsten Morgen halte ich dort ein Seminar für Redenschreiber. Ich verbringe die Nacht vor dem Fernseher – bis zur Siegesansprache Barack Obamas.

„Hallo Chicago, gibt es da draußen noch jemanden, der daran zweifelt, dass in Amerika alles möglich ist? Mehr…

Allgemein, Politische Rhetorik , , , , ,

Chicken Game?

8. Juni 2010

Noch einer dieser schwülheißen Tage, die den großen Regen versprechen. Das brache Feld gemäht, die beiden Hügel abgetragen. Weit da hinten am Rand des Feldes formen ihre Erdmassen einen Wall, den hier, im tiefen Süden Frankreichs, niemand Maginot-Linie nennen würde.

Die hat nicht gehalten, was man von ihr erwartete. Mehr…

Allgemein, Politische Rhetorik , , , , , , , , , , , , , , , , ,

Was hatte Willy Brandt, was hat Barack Obama, was anderen Politikern fehlt?

5. September 2009

Der Rhetorik-Blogger war unterwegs, am Donnerstag zu Gast in der Bremischen Bürgerschaft. Im Superwahljahr diskutierte man über die Frage: "Was hatte Willy Brandt, was hat Barack Obama, was anderen Politikern fehlt?"

Nach einem Vortrag von Prof. Ulrich Sarcinelli leitete der Bremer Politikwissenschaftler Lothar Probst die Diskussion. Mit Verve und Engagement berichtete Tom Buhrow (ARD-Tagesthemen und langjähriger US-Korrespondent) von seinen amerikanischen Erfahrungen, der tief verwurzelten Tradition "Trust the people, distrust the government", der ungeheuer gewinnenden Eloquenz Bill Clintons, den er für einen größeren Redner als Barack Obama hält.

Ich hatte mich auf die Diskussion vorbereitet, indem ich Willy Brandts Erinnerungen wiederlas. Die beiden Bücher Obamas "Dreams From My Father" und "The Audacity Of Hope" waren hier ja schon öfters Thema. Willy Brandt zitiert Julius Leber, der im Gefängnis schrieb: "Große Führer kommen fast immer aus dem Chaos, aus der richtigen Ordnung kommen sie selten, aus der Ochsentour nie." Beide, Brandt und Obama, sind vaterlos bei ihrem Großvater bzw. den Großeltern aufgewachsen. Beide waren in ihrer Kindheit und Jugend Außenseiter, Brandt als fast einziger Arbeiterjunge im lübischen Johanneum, Obama einer der wenigen Schwarzen in seiner Schule auf Hawaii. Beide durchlebten viele Häutungen in ihrer Sehnsucht nach Zugehörigkeit, auf ihrem Weg überwundener Illusionen, ein Weg, der ihre politischen Visionen biographisch erdet und beglaubigt.

Obama findet – trotz sinkender Umfrageergebnisse, das ist ein anderes Thema, diesen erratischen Zuckungen tagtäglich zu folgen – Gehör bei seinen fellow citizens, weil er seine politischen Projekte mit ihren eigenen Lebenserfahrungen begründet, ihre Stimme verstärkt und damit eine andere  Vertrauenswürdigkeit gewinnt. Er ist die erste Kassandra, der man zuhört, während er den Finger in die verschorften Lebenslügen des Landes bohrt: die zerkrümelnden Straßen, Brücke, Deiche, Schulen, Unis, das zerkrümelnde Gesundheitswesen, das – unverändert – Bürger und Staat in den Bankrott treiben würde.

Die autobiographisch geerdete Glaubwürdigkeit von Brandt wie von Obama ermöglicht es ihnen, statt den billigen Jakob zu geben mit kurzen sound bytes wie der große Kommunikator Reagan oder mit einer gut entwickelten Selbstironie wie George W. Bush, ihre Landsleute mit komplizierten Themen vertraut zu machen, an ihre Vernunft und an das bessere in ihnen zu appellieren, um die Nation wieder auf die Beine zu bringen, den Willen zum Wandel zu beflügeln.

Ein link zur Fernsehausstrahlung der Diskussion folgt. Später fiel mir noch ein, dass mit dem frisch gewählten Bürgermeister Daniel Zimmermann in Monheim (NRW) ein Beispiel herangewachsen ist, das den Optimismus beflügelt, dass sich auch unser demokratisches Gemeinwesen von innen erneuern kann.

Allgemein, Charisma, Politische Rhetorik, storytelling , , , , , , , , , ,