
Das Publikum und der Ort für diese Rede Barack Obamas sind gut gewählt: In einer Veranstaltung der Hispanic Chamber of Commerce grüßen amerikanische Latinos ihren Präsidenten mit den Worten: "Si se puede!" Auf deutsch heißt das heute "Yes we can". Obama redet über die amerikanische Bildungspolitik.
Politische Rhetorik
Ein weiteres Mal können wir den gedanklichen Aufbau einer bedeutenden politischen Rede bewundern. Bevor wir uns dem aber zuwenden, scheint es an der Zeit zu sein, auf ein weit verbreitetes Missverständnis einzugehen, das Rhetorik für eine dekorative Trickkiste hält, mit welcher jedweder Unfug unter die Leute gebracht werden könne, ohne dass sie wüssten, wie ihnen geschieht.
Das Gegenteil ist der Fall. Politische Rhetorik entfaltet, prüft und verwirft Argumente. Sie lebt davon, von ihrem Publikum nicht per Akklamation, sondern in den eigenen Gedanken mit gedacht und geprüft und am Ende für gut oder schlecht befunden zu werden. Politische Rhetorik überwältigt nicht, sondern gewinnt ihr Publikum.
Wer glaubt, auf das Entfalten von Argumenten verzichten zu können, wer es für überflüssig hält (oder für abgeschmackte Hollywood-Pathetik), an die Gefühle der Zuhörer zu appellieren, begreift nicht die eminente Bedeutung des politischen Redens für den Zusammenhalt einer Demokratie. Leere Appelle ohne Argumente und politische Reden, die knapp über dem Gefrierpunkt auf die emotionale Ansprache ihres Publikums verzichten, haben etwas von einem Nebelhorn. Sie bleiben vage, wo sie präzise werden müssten. Sie geben keine Orientierung. Am Ende ahnt man nur: Da draußen bewegt sich was auf uns zu.
Gleichzeitigkeit der Herausforderungen
Nun redet Obama also über Bildung. Hat er nichts Besseres oder Dringlicheres zu tun? Er hat mit der Wirtschafts- und Finanzkrise doch mehr als genug an der Backe! Diesen Einwand, der in der konservativen Meinung um sich greift, entkräftet Obama gleich zu Beginn seiner Rede: Multitasking sei in den großen Bewährungsproben Amerikas geübte Routine. Mitten im Bürgerkrieg setzte Abrahm Lincoln den Homestead Act durch, errichtete die National Academy of Sciences und betrieb in großem Maßstab transkontinentalen Eisenbahnbau.
Obama veranlasst nicht, wie David Brooks meint, Schönheitsreparaturen im Wohnzimmer, während das Fundament zerbröselt. Obama setzt auf Zukunftsinvestitionen, die langfristige Wachstumshemmnisse in den USA aus dem Weg räumen: von der Energieversorgung, dem Gesundheitswesen und der Infrastruktur bis zur Bildung. Indem er diese Politikfelder inmitten der sich verschärfenden Finanzkrise adressiert, pflegt er keine Steckenpferde der demokratischen Partei, sondern macht den Weg frei für langfristige wirtschaftliche Prosperität. Er vollzieht damit mehr als einen üblichen parteipolitischen Richtungswechsel. Das ist im übrigen der strategische Grund für Obamas überparteiliche Initiativen. Denn nur so werden neue politische Pfade im amerikanischen politischen System gangbar.
Amerikanischer Traum oder Albtraum?
Obama nutzt zu Beginn seiner Rede die Gelegenheit, vor diesem Publikum, einer Versammlung von ehrgeizigen Aufsteigern, wie sie besonders Einwanderungsländer hervorbringen, zu einer politischen Abgrenzung. Die amerikanische Prosperität sei immer schon guter Ausbildung zu verdanken und nicht der bloßen Anhäufung von Wohlstand. Kinder aus Dallas befänden sich im 21. Jahrhundert im Wettbewerb mit Kindern aus New Delhi. Und dann legt er mal wieder den Finger in schwärende Wunden, kritisiert das Versagen der Schulen vor allem bei den Latinos und den Schwarzen.
Bill Clinton und die konservativen Kritiker haben diesen Aspekt in Obamas Rhetorik noch nicht in seiner politischen Funktion verstanden. Obama redet das Land nicht schlecht, sondern nennt die Dinge bei ihrem Namen. Es sei nun einmal so, dass das Land der unbegrenzten Möglichkeiten weit hinter dem zurück bleibe, was möglich sei.
Nun redet der Präsident also nicht über zerkrümelnde Straßen, einstürzende Brücken und Deiche, sondern über das Versagen der Schulen. Singapore übertreffe Amerika bei weitem. Kaum ein Drittel der 13-bis 14-jährigen Amerikaner könne richtig lesen, ganz zu schweigen von dem Versagen in den mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächern. "The relative decline of American education is untenable for our economy, it’s unsustainable for our democracy, it’s unacceptable for our children — and we can’t afford to let it continue."
Das Versagen der Schulen stelle den amerikanischen Traum selbst in Frage, einen Traum, den die Einwanderer (ihre Erfolgreichsten sitzen im Saale) lebendig halten, indem sie sich krumm legen für die Zukunft ihrer Kinder. Das Versagen der Schulen, sagt Obama, liege nicht an den Kindern oder weil es an Ideen mangele, sondern an einem strukturellen Fehler in der Politik selbst. "For decades, Washington has been trapped in the same stale debates that have paralyzed progress and perpetuated our educational decline. (…) We ´ve accepted failure for far too long."
Investitionen in Bildung
Obama will massiv in den Ausbau der frühkindlichen Bildung investieren. Er sagt dem bildungspolitischem Föderalismus der Bundesstaaten den Kampf an; der beflügele ein Wettrennen zum Schlechteren. Es sei an der Zeit, die Standards höher zu setzen, in den Curricula, im Erfolg der Schüler, in der Vergütung guter Lehrer. Es sei höchste Zeit, gute Lehrer auszubilden und zu motivieren. "America needs you!" Das ist der Kernsatz dieser Rede, Obamas Appell an eine neue Generation inspirierender guter Lehrer.
Der Präsident sagt dem Schulabbruch den Kampf an. Vor allem die innerstädtischen Schulen in den großen Städten versagten total, seien verantwortlich für mehr als die Hälfte der Schulabbrecher. Wer seine Ausbildung abbreche, gebe sich selbst auf. Jeder junge Amerikaner solle mehr für seine Ausbildung tun. Schließlich wendet sich Obama auch an die Eltern. Es gebe nun mal Sachen, die nur Eltern machen können: den Fernseher oder das Videospiel abzustellen und dafür zu sorgen, dass die Kinder zur Schule gehen. Obama erinnert an seine Mutter: I can still picture her waking me up at 4:30 a.m., five days a week, to go over some lessons before I went to school. And whenever I’d complain and grumble and find some excuse and say, "Awww, I’m sleepy," she’d patiently repeat to me her most powerful defense. She’d say, "This is no picnic for me either, buster."
Bewegende Beispiele
Obama schließt seine Rede mit einem Beispiel von ein paar Kindern in Kalifornien. Kindern, die in eine Hightech-Schule des 21. Jahrhunderts gehen. Privilegierte Kinder. Sie haben ein Video produziert. "Some of them spoke about their parents being laid off, or their homes facing foreclosure, or their inability to focus on school with everything that was happening at home. And when it was her turn to speak, Yvonne said: "We’ve all been affected by this economic crisis. [We] are all college bound students; we’re all businessmen, and doctors and lawyers and all this great stuff. And we have all this potential — but the way things are going, we’re not going to be able to [fulfill it]."
It was heartbreaking that a girl so full of promise was so full of worry that she and her class titled their video, "Is anybody listening?" So, today, there’s something I want to say to Yvonne and her class at Village Academy: I am listening. We are listening. America is listening."
Erinnern wir uns. Der Präsident hält diese Rede vor der amerikanisch-spanischen Handelskammer. Vor Einwanderern, die den amerikanischen Traum verkörpern, die eine ähnliche Geschichte haben wie er selbst. Obama nutzt diesen Rohstoff persönlicher Geschichten als Kraftwerk der Gefühle, wie sie unser alltägliches Leben hervorbringt, als Beispiel, das unsere Kräfte auf die Probe stellt.
Elender Kontrast
Was für ein Kontrast zu dem jämmerlichen Ergebnis des deutschen Bildungsgipfels, bei welchem die Ministerpräsidenten der deutschen Bundesländer die Bundeskanzlerin ins Leere laufen ließen. Wer in der Politik sich davor scheut, die Dinge so darzustellen, wie sind, wird bei dem Versuch, sie zu ändern, kaum erfolgreich sein. Politische Rhetorik, wie wir sie bei Barack Obama von neuem lernen, kann dazu beitragen, Einsichten zu fördern, Tatkraft zu mobilisieren – und so Berge zu versetzen.
Das fehlt uns.
Das Publikum und der Ort für diese Rede Barack Obamas sind gut gewählt: In einer Veranstaltung der Hispanic Chamber of Commerce grüßen amerikanische Latinos ihren Präsidenten mit den Worten: "Si se...
admin Allgemein, Politikmanagement, Politische Rhetorik, storytelling Abraham Lincoln, Barack Obama, Bildungspolitik, Bill Clinton, David Brooks, Finanzkrise, Politische Rhetorik, Wirtschaftskrise
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