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Artikel Tagged ‘Afghanistan’

Kriegsgewinne der Sicherheitskräfte

5. Juli 2012

 

Der Krieg in Afghanistan ist ein Lehrstück des Wahnsinns. Ich gehe mit keiner Silbe auf all die rhetorischen Verrenkungen ein, die zu seiner Legitimation erfunden wurden (manche haben sich als erstaunlich haltbar erwiesen).

Was mich ins Grübeln stürzt, ist das Gerede von den “Sicherheitskräften”. Als die gelten natürlich die Enduring Freedom Truppen und ihre Helfershelfer, die afghanische Polizei (trotz der zahllosen frisch ausgebildeten Jungpolizisten, nach deren Übertritt zu den Taliban man die Uhren stellen kann) und das afghanische Militär, noch so eine Phantasmagorie in einem national, sprachlich und religiös zerrissenen Land. Mehr…

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Nihil nisi bene?

9. Februar 2010

Das Attentat auf diese abgelegene Einheit an der afghanisch-pakistanischen Grenze liegt schon länger zurück. Sieben CIA-Agenten sind dem Attentat zum Opfer gefallen. Ihr Hauptmetier war die Analyse von Datenströmen und die Steuerung von Raketen tragenden Drohnen. Die Zielsicherheit und Häufigkeit dieser Attacken hat unter der Regierung Barack Obamas massiv zugenommen.

Nun sprachen zum Abschied CIA-Chef Leon Panetta und Barack Obama. Der Wortlaut ihrer Reden folgt den protokollarischen Erfordernissen. Darüber hinaus ist er durchaus furchtbar.

Von dieser Veranstaltung gibt es keine frei gegebenen Videos.

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Metaphernschule: Sorge tragen

31. Januar 2010

Von den Wachtürmen der organisierten Interessen hört man dies oder das. Sie reden vom rasenden Stillstand. Oder von der blockierten Gesellschaft. Plädieren für einen Ruck. Oder für scharfe Einschnitte. Einmal auch für den Aufbruch "in eine soziale Moderne". Die in dieser Formel steckende Dialektik hätte den Hartz-Reformen ein unabwaschbares Make-Up verleihen können, eine ironische Fußnote in der politischen Biographie Andrea Ypsilantis.

Gleich welcher Herkunft die Fürsprecher sind, alle erwecken sie den Eindruck, als ginge es bloß darum, endlich zu entscheiden, endlich den gordischen Knoten zu zerhauen, endlich den Durchbruch zu wagen, endlich den Unrat beiseite zu räumen, endlich den Kessel zu sprengen. Nun ja. Selbst aber wenn die Fürsprecher auf der Seite der politischen Macht stehen, scheint das nicht zu reichen. Denn zu jeder strittigen Frage treten Spieler und Gegenspieler auf den Plan, Kräfte und Gegenkräfte, wie das Gegeneinander einer unbändig in ihrem Widerstreit befangenen Laokoon-Gruppe.

Für diese nur zu bekannte Situation deutscher Politik hat Bundeskanzlerin Angela Merkel die dezisionistische Formel des "Sorge tragens" erfunden. Was darin alles mitschwingt! Von "Ich hatte viel Bekümmernis" oder "Ich steh mit einem Fuß im Grahahebe" bis zu "Endlich, endlich wird mein Joch wieder von mir weichen müssen". Soviel Cantabile gibt es selten in der Politik.

Wenn es eine Formel gäbe, die belegte, wie protestantisch dieses Land trotz aufständischer Katholiken geworden ist, dann ist es diese Formel, die Lieblingsformel, zu der Angela Merkel ausholt, wenn sie endlich, endlich eine Entscheidung getroffen hat.

In ihrem Afghanistan-Video-Podcast vom 23. Januar sagt sie: "Ich habe bereits im Herbst – zusammen mit Gordon Brown und Nicolas Sarkozy – dafür Sorge getragen, dass eine solche internationale Konferenz stattfinden kann, denn ich bin überzeugt – und diese Überzeugung teilt die gesamte Bundesregierung –, dass wir einen Gesamtansatz für Afghanistan brauchen, der darin mündet, dass wir die Verantwortung Schritt für Schritt der afghanischen Regierung übergeben können."

In diesen Satz mit seinen 55 Wörtern (Sätze mit mehr als 30 Wörtern sind unverständlich) ist alles Elend der deutschen Afghanistan-Politik eingepreist. Davon ein anderes Mal. Ein Satz wie "Rette sich, wer kann!" ist politisch natürlich verboten. Sehr viel mehr aber steckt in dem Flussdelta von Angela Merkels langem Satz nicht.

Sorge tragen. Ein Bruttoregistertonnen-Bild mit lade- wie leidensfähigstem Tiefgang. Bedenken, Bedrängnis, Befürchtung, Bekümmernis, Betrübnis, Beunruhigung, Bürde, Elend, Gram und Herzweh, Joch, Kummer und Kümmernis, Last und Leid, Panik und Pein, Schwere, Seelenschmerz, Traurigkeit und Trübsal. Aber wie das so ist in der semantischen Dialektik schwingen auch Amt und Aufgabe, Tagewerk und Tretmühle und schließlich Pflicht (Flicht!), Fürsorge, Klugheit und Umsicht mit.

Das Sorgetragen ist historische Abbreviatur, Abkürzung wie Zusammenfassung und Finale quälendster politischer Prozesse. Das Schönste am Sorge tragen aber ist die darin eingebaute Panzerung.

Denn wer Sorge trägt, hat solange in Drachenblut gebadet,  dass er (oder auch sie) gegen alle Angriffe gewappnet ist.

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Allgemein, Angela Merkels Rhetorik, Metaphernschule ,

Asymmetrien

17. Dezember 2009

 

 

 

Die Debatte des Deutschen Bundestages zum Thema Kundus bildet nun Metastasen. Während die amerikanischen Minister und Militärs im Kongress von Anhörung zu Anhörung laufen und keinen Zweifel daran lassen, worum es in Afghanistan geht, führen die Oppositionsparteien den Minister vor und erteilt der Minister der Opposition Kopfnoten zu ihrem Stil.

In Amerika denken die Demokraten darüber nach, den Einsatz weiterer 30.000 Soldaten mit Kriegsanleihen zu finanzieren. Der Deutsche Bundestag aber, der schon bald, Anfang Februar darüber entscheiden muss, ob das Parlamentsheer weiteren 2.000 deutschen Soldaten Marschbefehl erteilt, führt eine Metadebatte, deren einziges Ziel darin zu bestehen scheint, unerfreuliche Tatsachen zu verdrängen.

In Afghanistan wird Krieg geführt. Soldaten aus 43 Ländern führen diesen Krieg. Sie sollen den Aufbau des Landes stabilisieren, die Durchführung von freien und allgemeinen Wahlen mit ihrem Leben verteidigen – und einer Regierung helfen, die bei ihrer eigenen Bevölkerung durch Korruption und Wahlbetrug fast jeden Kredit verspielt hat. Der Präsident des Landes herrscht nicht einmal über Kabul.

Die Ausbildung von Polizisten, liest man in den internationalen Medien, ist auf ganzer Linie gescheitert. Es erscheint zweifelhaft, ob es in 18 Monaten gelingt, die Versäumnisse von acht Jahren wettzumachen.

Die Asymmetrie dieses Kriegs hat viele Facetten. Am Beginn der großen Lüge steht eine tönerne Rhetorik, die zwar davon spricht, dass Deutschlands Sicherheit am Hindukusch verteidigt werde, die es aber der eigenen Bevölkerung allenfalls zumutet, von "kriegsähnlichen Zuständen" zu sprechen. Inzwischen waren 73.000 Bundeswehrsoldaten in Afghanistan, fast ein Promille der deutschen Bevölkerung. Viele von ihnen kommen an Leib und Seele verwundet zurück. Posttraumatische Belastungsstörungen.

Die sogenannte Taschenkarte, die die Soldaten über die Einsatzregeln informiert, setzt die Asymmetrie fort. Ihnen stehen Kämpfer gegenüber, die auf nichts Rücksicht nehmen, denen die Idee einer Legitimität fremd ist, die ein Ziel verfolgen, das bei der afghanischen Bevölkerung nicht sonderlich populär ist (die Errichtung eines Kalifats), die aber Unterstützung finden, weil die Leute einen Aufbau zu Lasten der eigenen Landsleute inzwischen doch eher als Okkupation wahrnehmen.

Was für einen Film würde Woody Allen über diesen Kriegsschauplatz drehen? Ich denke an einen durchgeknallten Rechtsanwalt aus New York, gute Adresse am Riverside Drive (Uwe Johnsons Wohnsitz der Gesine Cresspahl), ein bisschen zuviel auf Speed, ein bisschen zu sehr auf Unterhaltung aus am Rande des Vulkankraters, immer ein bisschen zu schnell sprechend, ein bisschen zu schnodderig, ein bisschen zu paranoid. An der Seite der schwerbewaffneten Elitesoldaten hält er Plädoyers, dafür oder dagegen zu kämpfen, malt aus, welche Höllenstrafen oder Orden auf sie warten, wer ihre Särge in Empfang nehmen wird, wie stolz ihre Kinder auf die gefallenen Väter sein werden, welche Wut die Witwen schieben. Wir haben das Bild.

Die Asymmetrie ist auch eine Asymmetrie der Waffen. Heute berichtet das Wall Street Journal über eine Software, mit welcher sich für gerade 27 US-Dollar das Videobild der Aufklärungsdrohnen einfangen lässt . Eine Sprengfalle für einen Panzer, der eine Millionen Dollar kostet, bauen die Taliban für 10 Dollar.

Die Asymmetrie ist schließlich wieder eine Asymmetrie der Rhetorik. In Oslo redete Barack Obama über den gerechten Krieg. Wo führt er ihn? Er führt ihn da, wo sein Verteidigungsminister vor über 30 Jahren die Mudjahedin-Zauberlehrlinge ausrüstete, die seine Soldaten nun aus dem Verkehr ziehen sollen. Das könnten wir einen gerechten Krieg nennen, der die Fehler der eigenen Politik ausputzt- doch zu welchen Kosten und zu wessen Lasten?

Am Anfang der vielleicht doch nur kurzen Karriere des Verteidigungsministers zu Guttenberg stand die heute erkennbare Absicht, ein anderes Drehbuch in Verkehr zu bringen. Als er von "kriegsähnlichen Zuständen" sprach. Als er versuchte, die Öffentlichkeit darauf einzustimmen, dass diese Zustände demnächst kriegsähnlicher werden. Er hat die Kontrolle über diese Erzählung verloren. Er hat bei der eigenen Truppe die Glaubwürdigkeit verloren. Er hat aus den Augen verloren, warum der amerikanische Oberbefehlshaber in Afghanistan, General McChrystal, den Bombeneinsatz in Kundus so scharf kritisiert hatte. Um es in ein Bild zu fassen: Er ist schneidig aus der Etappe auf die Bühne gestürmt – und gibt seither das Bild eines jämmerlichen Helden des Rückzugs, bei dem immer fraglicher scheint, ob er überhaupt noch die nächsten politischen Ziele artikulieren, geschweige denn durchsetzen kann.

Die Causa zu Guttenberg zeigt am Ende auch ein banales Muster. Sie entwickelt sich zu einem Schulbeispiel des Führungsversagens. Die geschraubte Eloquenz wird diesem Mann zum Fallstrick. Er redet sich um Kopf und Kragen.

 

 

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Schwadronierminister

6. Dezember 2009

Bundesaußenminister Guido Westerwelle versteht Barack Obamas Rede in der Militärakademie von West Point als willkommenen Anlass, "dass auch wir uns (…) eine Abzugsperspektive erarbeiten wollen". Das nenne ich waschechten wieselflinken Opportunismus. Herr Westerwelle blendet aus, was er nicht hören will. Er hört die Botschaft: "Rette sich, wer kann – und das so schnell wie möglich!"

Seine kurze Rede vor dem Plenum des Deutschen Bundestags dokumentiert, dass er durch den Koalitionsvertrag in ein Amt katapultiert worden ist, das ihm jeden Morgen zum Frühstück böhmische Dörfer auftischt – eine Lizenz zum Schwadronieren. Oder wie sollen wir das sonst bezeichnen?

 

 

Herr Westerwelle lässt die New York Times lesen. Läse er sie selbst, würde er sich besser auf die Konferenzen mit den Verbündeten vorbereiten.

Oder nicht?

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