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Artikel Tagged ‘Christian Lindner’

Metaphernschule: Feuerkraft aus der Belastungsbremse

16. Dezember 2012

In der FAZ vom 17. Dezember gibt Christian Lindner ein Interview, über das wir eben vorab erfahren:

Die rot-grünen Pläne laufen darauf hinaus, dass der Fiskus in der Spitze mehr als die Hälfte des Einkommens beansprucht. Das widerspricht meiner Vorstellung von Leistungsgerechtigkeit. Deshalb brauchen wir neben der Schuldenbremse eigentlich noch eine Belastungsbremse als Leitplanke im Grundgesetz. (…)  Man müsse „nicht jeden Tag eine Steuersenkung fordern“, um sich „liberal zu fühlen“. Zum einen müsse „der Mitte in Deutschland ihre finanzielle Feuerkraft gesichert werden. Zum anderen erwarten die Menschen einen handlungsfähigen Staat, der sich aus den Schulden befreit und der sich für Bildung stärker engagiert. Wir dürfen unsere Infrastruktur auch nicht so verkommen lassen wie die Vereinigten Staaten.

Nun sind FDP-Politiker trotz mancher Versuche bisher nicht in der Disziplin der Selbstverbrennung aufgefallen. Christian Lindner könnte sich durch sein FAZ-Interview als der erste Phönix erweisen, der nicht aus der Asche steigt, sondern den bisherigen Höhenflug umdreht und mit Schmackes in die Asche hineinkracht.

Warum? Mehr…

Abwehrzauber, aggiornamento, Allgemein, Metaphernschule

Der Zombie im Vakuum der FDP

10. Dezember 2010

"Worauf wartet die FDP?" fragt heute Peter Carstens im Leitartikel auf Seite 1 der FAZ.

Die Frage beantwortet sich fast wie von selbst. Sie wartet auf ein Ende des Schreckens. Die Parteiführung scheint immer noch nicht begriffen zu haben, wo der Schrecken denn liegt, der die Liberalen ins Nirwana der Irrelevanz absacken lässt. Es ist ein offenkundiger Irrtum, den Schrecken allein mit dem Wiedergänger der Freiheitsstatue im Parteivorsitz zu erklären.

Im Unterschied zu dem bürgerrechtlichen intellektuellen Profil, das die Partei in den späten sechziger und frühen siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts aufgebaut hatte, ist sie durch das Nachbeten von Marketingplatitüden auf eine single issue Position geschrumpft. In der Hinsicht ist die FDP tatsächlich die kleine hässliche Zwillingsschwester der Republikanischen Partei in Amerika. Zum Zeitpunkt ihres größten Erfolgs im September 2009 lief der Countdown, wie lange es dauern würde, bis dieser Ballon platzt. Mehr…

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Wendehals

8. Januar 2010

Guido Westerwelle ist nun zum Äußersten entschlossen. Er tritt in die Fußstapfen Helmut Kohls.

Als François Mitterand starb, erinnerte sich Ernst Jünger (in der FAZ) an ein gemeinsames Abendessen mit Helmut Kohl, bei welchem die Geistesgrößen über Léon Bloy sprachen. Bloy, dieser kluge Erzkatholik, habe über eine Wohltätigkeitsveranstaltung Pariser Damen berichtet, die – Schicksalsschlag sondergleichen – durch einen Großbrand in Flammen aufging. Danach habe ein Ruch der Wohlanständigkeit in der Luft gehangen. Darüber sollen die Herren lange und herzlich gelacht haben.

Helmut Kohl gehörte wie später auch Joschka Fischer zu den intensivsten Nutzern der Bibliothek des Deutschen Bundestags, eine Eigenschaft, bei welcher Leichtmatrose a.D. Westerwelle nicht mithalten kann. Sein Plädoyer für eine "geistig-politische Wende" ist  Mimikry – und Dienstanweisung für den frisch berufenen Generalsekretär Christian Lindner. Der Fußabdruck des leptosomen Philosophen kann wachsen. War es nicht Thomas Mann, der über die Beziehung zwischen Schuhgröße und Realitätsprinzip geschrieben hat? Bis den Liberalen glaubwürdige geistige Grundsubstanz zugewachsen sein wird, werden sie wieder in der Opposition gelandet sein. Bonne chance!

Ihr Mantra allerdings ist so – comment dirais-je? – unilateral, so unirdisch luftig, so unglaublich weit weg von jedem Realitätsprinzip, dass ihm alleine schon allerhöchste geradezu galaktische Geistigkeit gutgeschrieben werden kann. Das ist im übrigen der Grund dafür, dass Guido Westerwelle nicht für eine geistige, sondern für eine geistig-politische Wende eintritt. Denn erst die Erdung, die Beschwernis des Irdischen verleiht dem Vorhaben die politische Bodenhaftung, die dem Unisonogeschrei nach Steuersenkungen inmitten der tiefsten Wirtschaftskrise seit Jahrzehnten so gänzlich abgeht. Willkommen in der Gegenwart!

Westerwelles Plädoyer folgt eine Glossolalie aus abgelegtenTextbausteinen postpotenter Ruckrhetorik: das Land müsse sich "mental neu aufstellen". Wie wohltuend im Kontrast dazu das tiefe Schweigen der Bundeskanzlerin wirkt! Wer hätte das gedacht?

Christian Lindner aber täte gut daran, eine tief gegründete liberale Peripetie-Philosophie zu entwickeln. Ihr Erfolg wäre um so größer, je schneller die Liberalen damit begännen, sich selbst zu verwandeln.

 

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