Guido Westerwelle ist nun zum Äußersten entschlossen. Er tritt in die Fußstapfen Helmut Kohls.
Als François Mitterand starb, erinnerte sich Ernst Jünger (in der FAZ) an ein gemeinsames Abendessen mit Helmut Kohl, bei welchem die Geistesgrößen über Léon Bloy sprachen. Bloy, dieser kluge Erzkatholik, habe über eine Wohltätigkeitsveranstaltung Pariser Damen berichtet, die – Schicksalsschlag sondergleichen – durch einen Großbrand in Flammen aufging. Danach habe ein Ruch der Wohlanständigkeit in der Luft gehangen. Darüber sollen die Herren lange und herzlich gelacht haben.
Helmut Kohl gehörte wie später auch Joschka Fischer zu den intensivsten Nutzern der Bibliothek des Deutschen Bundestags, eine Eigenschaft, bei welcher Leichtmatrose a.D. Westerwelle nicht mithalten kann. Sein Plädoyer für eine "geistig-politische Wende" ist Mimikry – und Dienstanweisung für den frisch berufenen Generalsekretär Christian Lindner. Der Fußabdruck des leptosomen Philosophen kann wachsen. War es nicht Thomas Mann, der über die Beziehung zwischen Schuhgröße und Realitätsprinzip geschrieben hat? Bis den Liberalen glaubwürdige geistige Grundsubstanz zugewachsen sein wird, werden sie wieder in der Opposition gelandet sein. Bonne chance!
Ihr Mantra allerdings ist so – comment dirais-je? – unilateral, so unirdisch luftig, so unglaublich weit weg von jedem Realitätsprinzip, dass ihm alleine schon allerhöchste geradezu galaktische Geistigkeit gutgeschrieben werden kann. Das ist im übrigen der Grund dafür, dass Guido Westerwelle nicht für eine geistige, sondern für eine geistig-politische Wende eintritt. Denn erst die Erdung, die Beschwernis des Irdischen verleiht dem Vorhaben die politische Bodenhaftung, die dem Unisonogeschrei nach Steuersenkungen inmitten der tiefsten Wirtschaftskrise seit Jahrzehnten so gänzlich abgeht. Willkommen in der Gegenwart!
Westerwelles Plädoyer folgt eine Glossolalie aus abgelegtenTextbausteinen postpotenter Ruckrhetorik: das Land müsse sich "mental neu aufstellen". Wie wohltuend im Kontrast dazu das tiefe Schweigen der Bundeskanzlerin wirkt! Wer hätte das gedacht?
Christian Lindner aber täte gut daran, eine tief gegründete liberale Peripetie-Philosophie zu entwickeln. Ihr Erfolg wäre um so größer, je schneller die Liberalen damit begännen, sich selbst zu verwandeln.
Guido Westerwelle ist nun zum Äußersten entschlossen. Er tritt in die Fußstapfen Helmut Kohls. Als François Mitterand starb, erinnerte sich Ernst Jünger (in der FAZ) an ein gemeinsames Abendessen mit...
admin Allgemein Christian Lindner, Ernst Jünger, François Mitterand, Guido Westerwelle, Helmut Kohl, Joschka Fischer, Thomas Mann
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