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Artikel Tagged ‘George W. Bush’

Ein historischer Augenblick

12. Februar 2011

Wie so oft ist das ehemalige Nachrichtenmagazin ein Hort der Desinformation. Wer in diesen Tagen mehr als die Quellen liest, von denen manche Korrespondenten abschreiben, der kann den in der Tat historischen Augenblick anders einordnen.

Der Diktator tritt ab. Das Militär regiert weiter. Offenkundig ist es einem Kreis von Offizieren gelungen, die Mubarak-Getreuen zu neutralisieren. Ob die neuen Machthaber ihr Versprechen einlösen, den Weg zur Demokratie einzuschlagen, das ist nach wie vor ungewiss. Aus der Ferne erinnert der Augenblick weniger an den Fall der Berliner Mauer als an die portugiesische Nelkenrevolution. Die jüngeren Offiziere hinter dem Feldmarschall sind noch nicht in Erscheinung getreten. Aber sie gibt es. Mehr…

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Körper in der Politik

18. November 2010

Jakob Augstein schreibt über den Schmerzensmann Wolfgang Schäuble.

"Im Amt wurde er krankgeschossen. Die Politik ist also die Ursache seines Schmerzes. Jetzt lässt er sie nicht los und klammert am Amt. Aber die Politik bringt keine Erlösung, weil in ihr kein Platz (mehr) für den Schmerz ist und auch keiner für den Körper."

Natürlich hat die Politik Platz für Körper (viele).

Das wissen als erste die Karikaturisten. Wenn Politiker versuchen, den müden Esel Körper abzustreifen, wird es fatal. Es gibt viele Anzeichen für die abwegige Sehnsucht danach, den Körper abzustreifen. Die Lotuseffekt-Kommunikation, an der alles abperlt, zum Beispiel.

Was sagte Heide Simonis über lange Sitzungen? Aus dem Sprechen der Politiker über ihre Körper entsteht eine Idee von Ballast, Vorschein einer mentalen Panzerung, Selbstzurichtung der Politikerkörper. Oder denken wir an die Geheimnistuerei um die Erkrankungen Georges Pompidous und François Mitterrands.

Schmerzensmann Schäuble rollt den Körper zurück in die Arena. Als Gelähmter. Das macht ihn, weitab vom Zynismus und dem Schmerzenslächeln, zum Gegenbild, wider Willen,  zur körperlosen Politik.

Auch Steinmeiers Nierenspende gab eine Ahnung von der Sehnsucht nach Körper in der Politik. Offenbar geht das bis auf Weiteres nur durch Verlust. Das rubbing shoulders, die Suche nach körperlicher Nähe, hat einem Außenseiter den Weg ins Weiße Haus gebahnt. Sein Nachfolger ist verschrien als verkopft. Aber die Photos, die ihn beim bodysurfing zeigen, sprechen eine andere Sprache. Sie erzählen von Körperbeherrschung.

Das Entgleisen ist im politischen Rollenrepertoire nicht vorgesehen. Das macht es umso wahrscheinlicher.

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Rhetorische Komparatistik

14. November 2010

Am 10. November hielt Präsident Barack Obama in Jakarta diese Rede. James Fallows weist zu Recht heute darauf hin, wie bemerkenswert  die Rede ist.  Welcher US-Präsident verfügt über eigene prägende Auslandserfahrung, kann auf Grund seiner Kindheit im Jakarta der späten 60er Jahre mühelos kulturelle, ökonomische und politische Parallelen ziehen: Wie sich das Land verändert hat, welche Werte es mit den Amerikanern teilt, warum es auf Grund seiner demokratischen Entwicklung als Vorbild dienen kann.

Am Tag vorher präsentierte George W. Bush seine Memoiren, verteidigte eine engstirnige und verbrecherische Politik, zeigte sich so selbstgerecht wie selbstgefällig. Der Kontrast könnte größer nicht sein. In Jakarta ein weltläufiger Politiker, der Anteilnahme beglaubigen kann, im US-Fernsehen das Schreckensbild eines Politikers, der unter dem Signum eines "anteilnehmenden Konservativen" angetreten war, das er mit jeder Entscheidung seiner Amtszeit konterkariert hatte.

So gibt das eine Datum wie das andere Anlass dazu, einen Vergleich zu erproben. Obamas Rede fordert das implizit heraus. Noch glaube ich nicht, dass seine Präsidentschaft an der engstirnigen Politik der Republikaner scheitern wird, auch nicht, dass Obama aus innenpolitischer Schwäche faule Kompromisse eingehen wird. Dagegen sprechen die Wahlkampfauftritte wie seine Erklärungen nach der Wahl. Er wird um jeden Zentimeter Raum kämpfen. Wer das noch nicht bemerkt haben sollte: Obama kann mühelos an seiner überparteilichen Rhetorik der ersten beiden Jahre anknüpfen, ja, er kann seine Intentionen anders beglaubigen und ernten, wo er gesät hatte und damit bisher nur auf Unwillen und Spott gestoßen ist. Er wird beide Parteien in die Pflicht nehmen für eine Politik, die nicht unter dem Signum von TINA (there is no alternative) steht, sondern einen Weg geteilter Lasten aus der Krise zu bahnen versucht. Mehr…

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Decision Points: Die Angst aus der Leere

9. November 2010

Matt Lauer interviewt George W. Bush. Dessen Memoiren sind seit heute auf dem Markt. Decision Points. Der Titel ilustriert mehr nur als einen semantischen Unterschied zwischen der politischen Philosophie Barack Obamas und der Praxis seines Vorgängers. Augenblicke der Entscheidung sind die Sekunden, in denen der Inhaber der Macht an einem nicht fiktiven historischen Nullpunkt etwas in Gang zu setzen oder zu stoppen befiehlt.

Der Titel ist in seiner Zuspitzung auf den Augenblick, auf den Punkt, eine erklärte Absage an das Denken, an das Erwägen, an all das, was Bushs Vize "all this dithering" nannte. Jesse Singal schrieb gestern, Bush sei ein Vakuum gewesen. Das Interview bezeugt den Befund.

Eine Nuance seines Bildes ist Singal entgangen.: Aus der Leere spricht der Schrecken, nicht die Angst vor dem Vakuum, sondern die Angst aus dem Vakuum.

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Wählerwut?

25. Oktober 2010

Kein Kommentar, keine Reportage, kein Interview über die amerikanische Innenpolitik, in der nicht vom "enthusiasm gap" und der Wählerwut – voters´anger – geredet wird. Was mir dabei auffällt: Die meisten Autoren, und die deutschen Korrespondenten, die bei ihnen ungeprüft abschreiben, erklären zu einem Naturgesetz, wie die Wahlen ausgehen. Sie wähnen sich auf der sicheren Seite, weil es doch so gut wie immer so war: Wenn es dem Land wirtschaftlich nicht gut geht, wird die regierende Partei bestraft. Basta.

In diesem Blog habe ich oft genug den maroden amerikanischen Medienmarkt beklagt, die manichäische Weltsicht (wenn überhaupt von Welt oder Sicht die Rede sein kann) der radikalen Rechten (und Linken), das schrille Geschrei von Leuten wie Glenn Beck und Kollegen. Trotzdem erneuere ich heute meine Prognose, dass die Demokraten eine (vielleicht nur sehr kleine) Mehrheit in beiden Häusern des Kongresses behalten werden. Mehr…

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