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Artikel Tagged ‘Gregor Peter Schmitz’

Bias

6. Januar 2010

Gestern resümierte Barack Obama die Ergebnisse einer Konferenz mit den amerikanischen Geheimdiensten. Die Ansage ist unmissverständlich: Es ist zu gravierenden Fehlern gekommen. Das gescheiterte Attentat auf Northwest Flug 253 hätte verhindert werden können. Die Dienststellen besaßen alle Informationen, haben daraus aber nicht die richtigen Schlüsse gezogen.

Die Bedrohung Amerikas durch Terrorangriffe bleibt hoch. Die jüngsten Ankündigungen klingen danach, als hätten terroristische Masterminds neue Techniken, neue Transportwege und neue Materialien erfunden, mit denen sie auch Hightech-Kontrollen überlisten können. Das hat Folgen nicht nur für die Geheimdienste und ihre Methodik. Die asymmetrische Bedrohung führt zu einem (noch?) nicht erklärten Verteidigungsfall aller NATO-Staaten, die in Afghanistan und vor der ostafrikanischen Küste im Einsatz sind.

Der Umgang mit terroristischen Drohungen ist nicht nur ein Thema der Geheimdienste. Auch und besonders die Frage, wie die politische Führung das Thema bearbeitet, wird immer wichtiger. Dabei geht es um die Balance zwischen den Routinen des Sicherheitsstaats und bürgerlichen Freiheitsrechten, damit auch die Frage, wie das Thema in der politischen Rhetorik angemessen adressiert wird.

Sehr befremdlich wirkt der Bericht von Spiegel-Korrespondent Gregor Peter Schmitz zu dem Thema. Seinen Bericht durchzieht eine seltsame Häme. Dagegen wäre nichts einzuwenden, wenn der Gegenstand des Berichts die Reaktionen der konservativen Medien und der republikanischen Opposition wären. Schmitz aber macht sich fast umstandslos ihre Position zu eigen.

Vor kurzem analysierte Joscha Schmierer die eigentümlichen Reaktionen deutscher Medien auf Barack Obamas Reden. In die von Schmierer aufgezählten Fallbeispiele lässt sich auch der Bericht von Gregor Peter Schmitz einordnen. Schon der Auftakt, Obama "wollte mit der Kriegspolitik seines Vorgängers George W. Bush brechen" ist eine kühne Komplexitätsreduktion, die wenig mit der Realität zu tun hat: den einen unverantwortlich vom Zaun gebrochenen Krieg (im Irak) zu beenden und den anderen "notwendigen Krieg" (in Afghanistan) mit strategischer Weitsicht zu führen.

Auch die Behauptung, mit dem vereitelten Anschlag werde der Terrorkampf zu Obamas Kerngeschäft und das würde seinen Regierungsstil verändern, verkennt die Kontinuität im sicherheitspolitischen Denken und Handeln Obamas, wie sie Peter Baker in dem lesenswerten Bericht für das Magazin der New York Times dargelegt hat.

Ein hämischer Bias durchzieht Schmitz´ Artikel. Fast klingt es triumphierend, als er feststellt: "Auch Obama ist nun ein Terrorpräsident."

Was sagt dieser Satz? Schmitz ignoriert souverän die einschlägigen Dokumente – von Obamas Amtseinführung über die Rede im Nationalarchiv bis zu den Entscheidungen zur Eskalation des Kriegs in Afghanistan. Er ignoriert vor allem die Kurskorrektur Obamas, die Baker ausführlich darlegt. "War on terror" ist eine in die Irre führende Formel, weil sie einer bestimmten Taktik, dem Terrorismus, abstrakt den Krieg erklärt und damit den Feind selbst aus dem Blickfeld rückt. Die Formel ist eine hybride Selbstverblendung mit fatalen Folgen auf mehreren Schlachtfeldern. Obamas Heimatschutz – und Antiterrorismus-Berater John Brennan hat im Sommer die Abkehr von dieser irreführenden Formel ausführlich begründet.

Die Kakophonie der Republikaner und der konservativen Kritiker macht sich Schmitz ungefiltert zu eigen, einschließlich ihrer seltsamen Versuche, dem "verkopften" Präsidenten vorzuhalten, dass ihm der Mumm für die rhetorischen Schnellschüsse fehle, die sein Vorgänger so gern aus der Hüfte abgab.

Man wird den Eindruck nicht los, den Bob Herbert vor mehreren Monaten einmal in der New York Times beschrieb: dass die politische Öffentlichkeit in Amerika (und ich kann ergänzen: auch in Deutschland) schon sehr lange nicht mehr einen erwachsenen politischen Führungsstil erlebt hat und deswegen vielleicht sogar inzwischen außerstande sei, einen solchen zu erkennen.

Man mag mit den Ergebnissen und den Entscheidungen Obamas nicht glücklich werden oder auch nicht einverstanden sein. Aber wie er seine Politik begründet (und damit an die Begründungspflicht jeder Politik erinnert), macht einen weitaus besseren Eindruck als der verquaste Führungsstil seines Vorgängers Bush.

Die Häme setzt Schmitz fort, indem er zum Ende seines Artikels darauf eingeht, dass sich die Schließung des Gefangenenlagers Guantánamo verzögern werde. "Direkt nach Amtsantritt versprach er dessen Schließung binnen eines Jahres."

Wie Schmitz auf die Idee kommt, eine executive order des amerikanischen Präsidenten als "Versprechen" zu qualifizieren, entzieht sich meinem Verständnis. Auch dass Schmitz davon absieht zu erwähnen, mit welchen Tricks der Kongress die Umsetzung dieser Verordnung behindert, fügt sich in das schiefe Bild, das er nach Deutschland übermittelt.

Vielleicht sollte Gregor Peter Schmitz besser die professionellen Maßstäbe seiner Arbeit rejustieren.

 

 

 

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Don´t let us down

8. September 2009

Die Rede Barack Obamas zum Beginn des neuen Schuljahres ist ein weiteres Beispiel dafür, wie hysterisch der amerikanische Meinungszyklus inzwischen geworden ist. Denn von Nachrichten oder gar news kann man in diesem Fall wirklich nicht sprechen. Die schäumenden Rechtsaußen wollten verhindern, dass der Präsident die Jugend des Landes sozialistisch indoktriniere. Auf welchem Mond leben diese Leute?

Obamas Rede enthält bekannte Bausteine, etwa, was die Mutter dem kleinen Barack sagte, wenn er morgens um 04:30 Uhr in Djakarta zu müde zum Lernen war: "This is no picnic for me either, buster."

Obama erinnert am Beispiel Michael Jordans an den Nutzen des Scheiterns: "I have failed over and over again in my life. And that is why I succeed."

Die Botschaft aber, die er heute auf dem Umweg seiner Rede in Arlington an die ganze Nation richtet, könnte kaum einfacher und wirkungsvoller sein: "Don´t let us down – don´t let your family or your country or yourself down. Make us all proud.  I know you can do it."

Das ist kein Appell an die Streber im Land, wie Gregor Peter Schmitz schreibt. Wie immer die sekundären Gedanken bei diesem lange geplanten Auftritt lauten mögen, auch dieses Mal wendet sich der Redner an die individuelle Würde seiner Zuhörer. Er appelliert an das Beste oder Besserungsfähige in ihnen.

Für den Selbstbetrug sind in der amerikanischen Medienkultur andere zuständig.

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Narratives

27. Juli 2009

Die vergangene Woche hat uns belehrt. Erst über Geschichte und wie sie verarbeitet wird. Das führte uns in ein kaltes Gefängnis in Berlin-Plötzensee samt einer harschen Reaktion. Noch ist diese Geschichte bloß ein kleiner Schneeball im Sommertheater. Wer weiß, was daraus noch wird.

Dann stieß ich auf Geschichten, die lieber folgenlos wären, wenngleich von ihnen Billionen-Investitionen ausgelöst oder auch vernichtet werden. Das führte uns zu den Schadensersatzprozessen gegen Standard & Poor´s. Meine Prognose, dass die Rating-Agenturen entweder rigoros reguliert werden oder ihr Geschäftsmodell in die Tonne treten können, ist offenbar nicht ganz abwegig. Warren Buffett hat begonnen, seine Moody`s-Anteile abzustoßen.

Schließlich raffinierte Barack Obama seine Kampagne für die amerikanische Gesundheitsreform, indem er das Vorhaben nicht mehr health care reform nennt, sondern von der health insurance reform spricht. Darüber kann jeder Amerikaner mitreden: Wer davon erzählt, wie seine Beiträge steigen, wer wegen vorvertraglicher Ausschlussgründe in die Privatinsolvenz stürzt, wer gar nicht versichert ist usw.

Das ist eine historische Lektion über das rhetorische Schnüren von politischen Paketen. Es kommt nicht auf den Absender an oder darauf, was drin ist – die warmen Socken, die gute Butter und den echten Bohnenkaffee (das waren die Ostpakete…). Es geht um den Adressaten. Wenn der nicht mitreden kann oder wenn der Paketinhalt zu abstrakt verhandelt wird (Gesundheitsversorgung ist ein Begriff für den Mann auf dem Mond. Sie gehen ja auch nicht zum Bäcker und bestellen 550 Gramm Backwaren … ), dann versandet das Thema und verliert seinen politischen sex appeal.

Den neu geschärften sex appeal aber hätte Barack Obama beinahe vermasselt, als er das Verhalten der Polizei gegenüber Prof. Gates dumm nannte. Der amerikanische Medienzirkus hat diesen Fehler wie den Einsatz einer Neutronenbombe goutiert. Die zerkrümelnde Infrastruktur steht noch (wackelt vor sich hin). Aber das Personal war in höchster Gefahr, sich in Untote, in Zombies zu verwandeln. Rechtzeitig trat der Präsident selbst auf die Bremse und vor das White House Press Corps, machte einen Rückzieher und erzählte davon, Sergant Crowley und Professor Gates auf ein Bier ins Weiße Haus einzuladen. Ende der story? Bei weitem nicht. Denn jetzt geht die Reise auf die Zielgerade vor der Sommerpause (Obama feiert nächste Woche seinen Geburtstag auf Martha´s Vineyard)

Noch ist er aber in Washington und startet durch. Seine wöchentliche Videoansprache fokussiert er auf Alltagsgeschichten aus Amerika. Er macht Punkte durch Atmosphäre. Paul Krugman sagt dazu  (in Anspielung auf George W. Bush´s Versprechen eines compassionate conservatism) compassion and cost-effectiveness go hand in hand.

Krugman lobt den Präsidenten über den grünen Klee (das wird dessen Chancen bei den sogenannten blue dog democrats nicht verbessern) und prügelt präventiv auf diese wankelmütigen Kameraden am rechten Rand (auch das wird sie nicht korrigieren). Obama zitiert aus einem der täglich 40.000 Briefe an das Weiße Haus. Der Kleinunternehmer spricht Klartext. "Ich will das nicht umsonst, aber bezahlbar." So wird ein Schuh daraus – als Kongruenz zwischen dem großen politischen Ziel und dem handfesten Ergebnis in den Lebenswelten ihrer Adressaten. Das Paket soll seine Adressaten ungeschmälert erreichen.

Die Republikaner und konservativen Demokraten landen wieder in der Ecke, wo sie hin gehören: die alte Garde der Naysayers.

Krugman sagt in seiner Kolumne noch etwas Interessantes, das an die letzte deutsche Gesundheitsreform erinnert. Obama plant eine Expertenkommission, die künftig auf der Basis evidenzbasierter Medizin über die Kostenerstattung bei Medicare entscheidet (das ist die Gesundheitsversorgung der amerikanischen Rentner). Der Kongress findet das naturgemäß nicht schön, weil es ihm ein Lieblingsspielzeug in Wahljahren wegnimmt. Wir können es mit einer gewissen Willkür mit dem deutschen Gesundheitsfonds vergleichen. Beide Instrumente führen in ein bestehendes, in die Jahre gekommenes und ineffektives System einen Fremdkörper ein, ein trojanisches Pferd. Die alten Garden müssen auf dem Pferd in die Prärie. Denn sonst würden sie verhungern. Also üben sie maulend Wohlverhalten, verlieren aber die Freiheit, selber auf ihrem bisherigen Pfad weiter zu galoppieren. Wir können das auch (politikwissenschaftlich) als einen Pfadwechsel in einem bestehenden System begreifen. Das Insekt hat gestochen, seine Eier abgelegt, bald nähren sich die Larven und dann sehen wir, was daraus entsteht. Ich komme darauf zurück.

David Brooks nennt die alten Garden des Gesundheitswesens die Rhinos, die sich mal wieder auf stampede begeben. Ich weiß nicht, ob Sie je waschechte Nashörner in der Wildnis erlebt haben. Sie sind die gefährlichsten Tiere auf diesem Planeten. Denen soll es nun an den Kragen gehen. Nebenbei erinnert dieser Kommentar des im Weißen Haus oft konsultierten Kolumnisten an eine Medienstrategie des Präsidenten und seiner Prätorianer, die in der vorletzten Woche eine neue Qualität gewonnen hat. Sie mobilisieren die liberale Blogosphäre für die Gesundheitsreform. Sie sehen, dass die wenigen noch existierenden Qualitätsmedien nicht ausreichen, und setzen auf ihr Kampagnen-Netzwerk vom vergangenen Jahr. Dieses Mal geht es immerhin um das wichtigste innenpolitische Ziel Obamas.

Auch das Town Hall Meeting in Cleveland, Ohio, trug am vergangenen Donnerstag dazu bei. Hier zeigt sich Obama in Bestform, beginnt mit den persönlichen Geschichten aus Amerika, die ihn tagtäglich erreichen, erinnert an das zerkrümelnde Land zu Beginn seiner Amtszeit, beschreibt seine größten Herausforderungen (Wirtschaft, Finanzmärkte, Energiepolitik, Gesundheitsversorgung, Bildungswesen) – und schon kommt wieder dieser gospel, wie wir ihn aus der Kampagne kennen (we love you, Barack – I love you back). Seine Parteifreunde sind die Hauptzielgruppe dieser Botschaft. Mit mir könnt ihr gewinnen, also stimmt für meine Politik.

Besonders schön wirkt Obamas Aufzählung von kontroversen Entscheidungen. Going to the moon was controversial. Der Schlussappell ist glasklar. Jetzt wissen die Kongressmitglieder, wer hinter den Briefen, Faxen, Mails und Anrufen steckt, die sie wegen der Gesundheitsreform bestürmen. Hier ruft der Präsident sie selbst durch die vox populi zur Ordnung.

In Russland gibt es Putins Partei "Einiges Russland", in Frankreich die UMP (Union pour la Majorité Presidentielle), Obama hat Organising for America, seine Bodentruppen im homeland, auch wenn die eigene Partei das nicht gerne sieht. Der community organizer hat in Chicago das Handwerk gelernt. Das Skript der Politik hat er vor 15 Jahren niedergeschrieben. Erzählt ihnen Geschichten, die jeder kennt. Findet gemeinsamen Boden! Macht ihnen klar, was auf dem Spiel steht. Dann spuren sie.

In das gleiche Horn bläst er bei einem Fundraiser in Chicago am vergangenen Donnerstag: "I want to talk about health care for a minute, because we’re having a debate in Washington right now about this issue — you may have noticed. (Laughter.) AUDIENCE MEMBER: Give ‘em hell, Barack! (Applause.) THE PRESIDENT: You know, what Harry Truman actually said when somebody said, "Give ‘em hell, Harry" — he said, "I’m going to tell the truth — they’ll think it’s hell." (Laughter and applause.) So we’re just going to tell the truth about what’s going on in health care right now. (Applause.) Because it’s going to affect every single one of you."

Später sagt er, in Anspielung auf den Republikaner, der ihm sein Waterloo bereiten, ihn durch das Scheitern der Gesundheitsreform brechen sehen will: "I´m from Chicago. I don´t break." Auch das ist ein narrative, das er zurück in die mediale Umlaufbahn katapultiert. Ich habe Bodenhaftung in windy city.

Die Kollegen in Washington, die den 24-Stunden-Zyklus der amerikanischen Politik abdecken müssen (dafür auch mal einen Preis wie den Arthur F. Burns Prize erhalten, Glückwunsch an Gregor Peter Schmitz!) können das als O-Ton mit aufnehmen. Ihre Formate bleiben aber zu eng für eine dichte Beobachtung des politischen Prozesses, dem dieser Präsident seinen eigenen Rhythmus aufzwingt.

Meine Prognose ist klar: Obama bekommt seine Gesundheitsreform.

Von der Fallstudie, die man bald darüber lesen kann (Frühjahr 2010) werden alle lernen. Auch Ulla Schmidt, wenn es nicht zu spät für sie ist.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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