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Artikel Tagged ‘Jens Weidmann’

Schadsoftware in der politischen Sprache

4. Januar 2013

 

Reklame

Um 12:45 Uhr können Sie am 29.12.2012  unter dieser Adresse meinen Vortrag über den Stabilitätsanker und die Wachstumslokomotive beim 29c3 Kongress des Chaos Computer Clubs in Hamburg sehen.

Update

In der Samstagsausgabe der FAZ vom 5.1.2013 steht der für den Druck gekürzte Text des Vortrags.  Ich trage hier den Schluss des Vortrags nach:

Die Wachstumslokomotive ist ein klassisches Nebelwort. Im Nebel ihrer selbst wächst sie ins Riesenhafte. Eine Wachstumslokomotive ist ein spurgebundenes Triebfahrzeug, das hochtourig im Leerlauf vor dem Prellbock röhrt. Ihre rhetorische Karriere in der deutschen Politik erinnert mich an einen Witz aus den letzten Jahren der DDR. Was unterscheidet Lenin von Stalin und Honecker? Was machen sie, wenn ein Reisezug nicht weiterkommt, weil es kein Gleis mehr gibt? Lenin lässt die Reisenden neue Schienen verlegen und nach getaner Arbeit weiterfahren, Stalin jeden zehnten erschießen. Honecker holt ein paar raus, die am Zug rütteln, damit die Reisenden im Zug glauben, die Fahrt ginge weiter. Mehr…

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Blick hinter die Kulisse des Stabilitätsankers

21. August 2012

Das erste Mal habe ich den Begriff hier vor über einem Jahr – eher beiläufig – angesprochen, verwundert, neugierig auch und dann – entgegen der üblichen Onlinehektik – wechselte ich in den Jagdmodus. Ich etablierte einen Google Alert und lag dann im Ansitz. Die Diskussion ist eröffnet. Hier bezeichnet man mich als "lebende Abrißbirne", ein schönes Kompliment.

Nun zähle ich auf, wer nach Bundesverteidigungsminister Thomas de Maizière und Bundesbankpräsident zum Stabilitätsanker griff, um eine unhaltbare Situation irgendwie doch stabiler aussehen zu lassen, als sie tatsächlich war. Mehr…

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Sweet Poison

28. November 2011

Sasuke Uchiha amv.(Sweetest Poison) – MyVideo

Bundesbankpräsident Jens Weidmann sagt: No sweet poison. Kein süßes Gift. Ihr habt zu lange an der Nadel gehangen. Das Geschäft geht so nicht weiter. Wo winkt die nächste Kundschaft? Ihr seid abgeschrieben. Grabt euch selbst aus dem Loch.

Ist das seine Botschaft? Ist es die Zerstörung der eigenen Währung wert, eine historische Enthaltsamkeitslektion zu erteilen? Worin steckt der pädagogische Eros einer solchen Kur? An welchem Restlehrstuhl für ökonomische Erziehungswissenschaft wird so etwas gelehrt? Heute Morgen hören wir aus der Ferne einen Satz für die Geschichtsbücher:

If the E.C.B. isn’t careful, someday we’ll talk about how great a job it did of protecting the euro right out of existence.

Schutz und Trutz ins Nichts. Mehr…

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Ein Äquivalenz-Problem

8. Juli 2011

Gerade lese ich in der Online-Ausgabe der FAZ:

Verteidigungsminister de Maizière (CDU) sagte im WDR, Saudi-Arabien sei „für uns ein Stabilitätsanker in der Region“, der trotz eines politischen Systems, das er ablehne, „für uns ein wichtiger Partner ist“.

Das Thema "Stabilitätsanker" ist diesem Blogger doch schon mal untergekommen. Wo war das noch? Richtig! Hier wars: Am 20. Juni 2011 hielt der frischgebackene Präsident der Bundesbank in Frankfurt eine Rede, an deren Schluss er wörtlich sagte:

Ich bin überzeugt, dass mit dieser Grundlage die Zentralbanken für künftige Herausforderungen hervorragend gerüstet sind und ihrer Rolle als Stabilitätsanker auch in den kommenden Jahren weiter gerecht werden.

Saudi-Arabien und die europäischen Zentralbanken sind nach Auffassung des Bundesverteidigungsministers und des Bundesbankpräsidenten "Stabilitätsanker". Jetzt überhöhen sie metaphorisch sogar die arabische Halbinsel zu einem S.-Anker.

Na, dann kann ja nichts mehr schiefgehen. Zumal wenn wir die europäischen Zentralbanken und Saudi-Arabien als Stabilitätsanker auf Augenhöhe betrachten.

Die zusammengesetzten Substantive wirken wie Spaltpilze an politischen Konstrukten. Sie treiben auseinander, was die Sprecher metaphorisch zusammenfügen.

Frohes Gelingen!

 

PS: In einer früheren Fassung dieses Beitrags wurde BM de Maizière irrtümlich als Bundesinnenminister bezeichnet. Das war er mal.

 

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Salamiethik und Stabilitätsanker

28. Juni 2011

Diesen Sonntag sind mir zwei Wörter aufgefallen: Salamiethik (Ärztepräsident Montgomery) und Stabilitätsanker (Bundesbankpräsident Weidmann). In beiden Metaphern kommt etwas ins Rutschen. Der eine sieht den Truck auf sich zurasen. Der andere hält sich an der Ankerkette eines Riesencontainerschiffs fest, das gerade in See sticht.

Montgomery argumentiert gegen das Beschneiden (der Ethik). Weidmann legt die Stabilität an den Anker, weil sie als Ziel allein nicht mehr reicht.

Der Ärztepräsident wird Schwierigkeiten dabei haben, die Salamiethik von einer Wildsalami- oder von einer Chorizoethik zu unterscheiden. Sein rhetorisches Ziel, die Ethik zu retten (bzw. vor ihrer Beschneidung zu warnen), benutzt die Salami bloß als Abstraktionswurst, ohne Geschmack, ohne Geruch. Dem Redner ist die Wurst wurst. Schinkenethik aber (obschon wohl auch beschneidbar) ginge gar nicht. Dem Neologismus der Salamiethik steht die Salamitaktik Pate, eine Figur, die meistens von denen beschworen wird, die auf verlorenem Posten argumentieren.

Wie siehts denn aus, wenn wir die Wörter mit einer Umdrehung konfrontieren? Ethiksalami: Damit wirkt man als Esser sogleich gesittet. Ankerstabilität befestigt auf treibendem Grunde ganz anders als ein Stabilitätsanker.

Persönlich finde ich den Instabiliätsanker am interessantesten, ein Werkzeug anthropomorphen Gewahrwerdens. Wenn ich meiner Mutter zusehe, verstehe ich ihren Rollator zb als Instabilitæitsanker, Pirouetten schmerzgebeugten Schlurfens und Schiebens, ein Hadern gegen das Sodasein (das dieses widerliche Autokorrekturmodul völlig sinnfrei in Südasien verwandeln wollte).

Zurück, ein letztes Mal, zur Salamiethik. Der kulinarische Aspekt macht die Metapher der Salami-Ethik zweifelhaft. Ist das eine durch und durch in sich stimmige in jedem Zipfel mit sich selbst identische Salami – mit der Folge, dass jedes Scheibchen ihre Ethik in Gänze enthielte und weitertransportierte – oder ist das mangels Pasteurierung und Homogenisierung eine einzige Unwucht, die nichts Ganzes hat entstehen lassen? Was bedeutete ein Scheibchen weniger für diesen Zellhaufen?

Was bedeutete das Reißen der Ankerkette für den Stabilitätsanker?

Beide Wörter dokumentieren rhetorisches Scheitern – in der Not.

Die Welt sei aus den Fugen, zitiert Cordt Schnibben in einem lesenswerten Spiegel-Essay die CDU-Vorsitzende – ein Befund, den Angela Merkel mit ihrem bisherigen Mitarbeiter Weidmann teilt.

Zeit, in Deckung zu gehen.

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