Diese Geschichte ist Material für einen großen Film. Oder einen Roman. Oder eine Enthüllungsstory. In zehn Jahren Stoff für ein Remake von Francis Ford Coppolas Apocalypse Now. Der Basisstoff bleibt Joseph Conrads Erzählung Heart of Darkness. Die Adaption spielt in der afghanischen Provinz Zahul. Dort demissionierte vor kurzem ein hochdekorierter Marinesoldat und Aufbauhelfer.
Kurtz heißt in diesem Fall Matthew Hoh. Er braucht nicht aus seinem Verhau geholt zu werden. Er dankt ab. Wie er sich beschreibt, bestätigt und widerruft zugleich die literarische Blaupause seiner Rolle als Wiedergänger von Joseph Conrads Kongo-Kurtz: "I’m not some peacenik, pot-smoking hippie who wants everyone to be in love," Hoh said. Although he said his time in Zabul was the "second-best job I’ve ever had," his dominant experience is from the Marines, where many of his closest friends still serve. (…) "There are plenty of dudes who need to be killed," he said of al-Qaeda and the Taliban. "I was never more happy than when our Iraq team whacked a bunch of guys."
In einer rhetorischen Kultur, die nichts mehr schätzt als die individuelle Story, das persönliche Schicksal als Chance dafür, ein Problem zu illustrieren, klingt diese Geschichte fast wie bestellt. Hoh sagt über den Afghanistankrieg: "I want people in Iowa, people in Arkansas, people in Arizona, to call their congressman and say, ‘Listen, I don’t think this is right.’ " Welchen Nutzen wird Barack Obama aus dieser Geschichte ziehen, wenn er seine Afghanistan-Strategie vorstellt?
Herr Hoh hat die Chance, eines Tages ein Nachfolger des jungen John Kerry genannt zu werden.
Barack Obama besuchte am Donnerstag das MIT, eine Gelegenheit wie geschaffen dafür, die Herausforderungen in den Blick zu rücken, vor denen nicht nur Amerika steht – vor den Talenten, die sie lösen werden. "So the truth is, we have always been about innovation, we have always been about discovery. That’s in our DNA. The truth is we also face more complex challenges than generations past. (…) Now, while the challenges today are different, we have to draw on the same spirit of innovation that’s always been central to our success."
Schon im Januar haben wir hier davon gesprochen, dass Obama mit seiner Klimapolitik eine neue Sicherheitsdoktrin vorbereitet. Im MIT verkündet er das Ergebnis: "The Pentagon has declared our dependence on fossil fuels a security threat. Veterans from Iraq and Afghanistan are traveling the country as part of Operation Free, campaigning to end our dependence on oil — (applause) — we have a few of these folks here today, right there. (Applause.) The young people of this country — that I’ve met all across America — they understand that this is the challenge of their generation."
Die Jugend des Landes, seine Wählerinnen und Wähler haben das besser verstanden als mancher in die Jahre gekommene Politiker in Washington DC. So beflügelt Obama die früheren Kollegen im Senat, das Klimaschutzgesetz voran zu bringen. An seiner Seite stand am Donnerstag Senator John Kerry, die neue Lichtgestalt der amerikanischen Politik, der gerade erst den afghanischen Präsident Karsai davon überzeugt hat, sich einer Stichwahl zu stellen und der die Feder bei dem Klimaschutzgesetz des Senats führt.
Der Ort von Obamas Rede war seine überzeugendste Botschaft: "Es gibt keinen Grund für Pessimismus, keinen Grund, an unserer Fähigkeit zu zweifeln, Probleme zu lösen. Wo, wenn nicht hier, sehen wir, wie weit wir kommen können." Da braucht er es mit technikgeschichtlichen Fakten nicht genau zu nehmen.
Den gleichen Geist beschwört Obama in seiner wöchentlichen Videoansprache: "This country was built by dreamers. They’re the workers who took a chance on their desire to be their own boss. The part-time inventors who became the fulltime entrepreneurs. The men and women who have helped build the American middle class, keeping alive that most American of ideals – that all things are possible for all people, and we’re limited only by the size of our dreams and our willingness to work for them. We need to do everything we can to ensure that they can keep taking those risks, acting on those dreams, and building the enterprises that fuel our economy and make us who we are."
Es gibt eine seltsame Diskrepanz zwischen der Obamarezeption in manchen deutschen Medien und der tatsächlichen Entwicklung, die er in seinem Land auf den Weg bringt. Hier erwecken manche Leute den Eindruck, dass Obama nur eine Silberzunge, ein Phrasendrescher, eine schuldenmachende Bürde der Politik sei – aber hinter ihrem Ressentiment lauert durchaus wahrnehmbar Neid. Sie setzen wie Obamas Gegenspieler in der amerikanischen Innenpolitik auf sein Scheitern, damit auch hier sich nichts ändert. Das wirkt nicht sehr weitsichtig und bläst in das gleiche Horn wie Georg Kreislers Lied:
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