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Klimawandel, Forschung und Nachrichtenzyklus

21. Februar 2010

Diese Recherche von Fred Pearce im Guardian lohnt sich zu lesen. Sie dokumentiert ein Dilemma, das die Kommunikation und die Kooperation zwischen Wissenschaft und Medien überschattet. Der Erkenntnisfortschritt der Wissenschaft auf der einen Seite und der Nachrichtenzyklus auf der anderen Seite unterliegen ihren eigenen Bedingungen.

Im Zeitalter globaler Faktenüberprüfung begrenzt der Nachrichtenzyklus der traditionellen Medien mit ihren "sagte x" bzw. "sagte y" den Erkenntishorizont und macht sich zum Instrument einer Gegenaufklärung.

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Cross-check

22. Januar 2010

Wie desillusionierend diese Wintertage sein können. Kalt und grau. Auf dem Boden der Tatsachen ankommen. Keine einfache Übung.

Die weit überwiegende Mehrheit der deutschen Medien, Qualitätszeitungen und öffentlich-rechtlicher Rundfunk eingeschlossen, hat versagt. Sie verbreiten Unfug.

Als Barack Obama am Mittwoch vor einem Jahr sein Amt antrat, hatte die Demokratische Partei 56 Senatssitze. Dazu kamen zwei unabhängige Senatoren – Joe Lieberman und Bernie Sanders. Eine Wahl war noch offen. Im April 2009 wechselte der republikanische Senator Arlen Specter zu den Demokraten.

Auch nachgeschobene "Korrekturen", dass Barack Obama seine "strategische Mehrheit" im Senat verloren habe, zeugen davon, dass auch die Qualitätsmedien die Überprüfung von Fakten aufgegeben haben. Sie verbreiten lieber schnell verderbliche Ware.

Die Geschäftsordnung des amerikanischen Senats kann zu Beginn einer Sitzungsperiode mit einfacher Mehrheit geändert werden. Das betrifft auch die Drohung der Minderheit, Abstimmungen durch Filibuster aufzuhalten.

Es gibt gute Gründe dafür, diese Regel zu korrigieren. Barack Obama erzählt in dem Buch THE AUDACITY OF HOPE davon, wie Karl Roves Republikaner damit gedroht hatten, diese Regel zu ändern. Das entscheidende Argument liegt nicht in den Stimmverhältnissen, sondern in der verzerrten Repräsentanz: dass eine Handvoll von Senatoren, die weniger als zehn Prozent der amerikanischen Wähler repräsentieren, den Willen auch einer sehr großen Mehrheit torpedieren können.

Kein Wunder, dass dieser Sachverhalt mit dem Bild von "checks & balances" beschönigt wird. Die Gründerväter haben einen systemischen Konservatismus etabliert. Wenn der status quo bzw. der bedenkenlose Versuch, ihn um jeden Preis aufrecht zu erhalten, das Land zu ruinieren droht, dann ist es an der Zeit, die vernünftigen Repräsentanten der Repubikaner daran zu erinnern, wem sie durch die Verfassung verpflichtet sind.

Wenn sie auch dann nicht einlenken, dann gebietet es die politische Vernunft – das ist etwas anderes als parteipolitische Hybris, die Regeln zu ändern.

Wer aber könnte deutsche Auslandskorrespondenten und ihre hiesigen Redaktionen dazu anhalten, präzise und wahrheitsgemäß zu berichten? Offenbar haben die kleinen bloggenden Davids eine Funktion, die die tönernen Goliaths preisgegeben haben.

Nachtrag 230110

Für das Kräftemessen, die Inszenierung politischer Führung und damit auch für die Disziplinierung der Demokratischen Partei wirkt der Ausgang der Nachwahl in Massachusetts wie eine göttliche Fügung. Oder wie bestellt. Keine Niederlage. Eine Arrondierung des Spielfelds. Gehen Sie wieder in den Startblock. Jetzt aber mit deutlich besseren Karten in der Hand. Für den Pokerspieler im Weißen Haus eine leichte Übung.

Das ist keine verschwörungstheoretische Machination. So sieht politischer Realismus aus, der im Schatten stillgelegter Stahlwerke im Süden Chicagos geprägt wurde. Wie sah denn der Start dieser Nachwahl aus? Da stirbt eine amerikanische Ikone. Ein Mann mit vielen Geschichten, auch unerfreulichen, aber am Ende seines Lebens weit über Parteigrenzen hinweg geachtet und wohl auch geliebt. Ein Bürge überparteilicher Vernunft.

Als seine Nachrückerin wird ein frostscheues Fähnchen in den Küstenwind gestellt. Macht mitten im Wahlkampf Ferien. Scheut den Auftritt vor einem Eishockeyspiel. Huuuh wie kalt der Wind! Und das an der so froststarren Ostküste. Im demokratischen Herzland. So sieht kein Joker aus. Geschweige denn ein Broker. Sie war schon abgeschrieben, bevor der sexy Gegenkandidat mit einem Obama-Drehbuch an ihr vorbeizog.

Sie haben sich das angesehen. Gut besorgte Miene zum Spiel gemacht. Am Ende in Kauf genommen, dass die Niederlage als eigener Schaden verbucht wird. Dann schüttelt sich der Boxer. Und freut sich auf die nächste Runde.

Das muss nicht so gewesen sein. Charme aber hat diese Idee durchaus.

 

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bella figura

22. September 2009

Obamas Medienblitz und sein Auftritt bei Letterman sind vorbei. Heute beginnen die Obama-Festspiele in New York und dann in Pittsburgh. Aber als hätte man sie dafür bestellt, erzählen uns die Fliegenbeinzähler, dass der Blitzkrieg in den Medien nichts gebracht habe. Wie kommen sie zu ihrem Befund? Sie messen die Resonanz auf die Auftritte im Internet. Dort sei kaum was hängen geblieben. Yes, we gähn… Im Netz achte man die Authentizität, die Ehrlichkeit, den unverstellten Auftritt.  Ach, wenn das doch tatsächlich der Fall wäre! Immerhin, die über sechs Millionen Youtube-Besucher, die sich im März vergangenen Jahres Obamas Rede zum Rassenthema angesehen haben, dokumentieren, wie elektrisierend eine große Rede sein kann, wie eine Rede weltweite Aufmerksamkeit finden und Maßstäbe setzen kann.

Zugegeben, auch dieser Blog leistet seinen bescheidenen Beitrag dazu. Zurück zu den Fliegenbeinzählern. Wo leben die? Wie eng haben sie ihren Visus gestellt? Haben sie keine Antenne für Dialektik? Haben sie kein Gehör für Kontrapunkte? Haben sie verlernt zu vergleichen?

Was sehen wir, wenn wir uns dem amerikanischen 24-Stunden-Nachrichten-Strom aussetzen? Wir sehen da auch die hässlichen Seiten Amerikas. Unverstellten Rassenhass. Mordlust. Verschwörungswahnsinn. Hysterisches Schäumen: Obama sei Nazi, Kommunist, Marxist, Sozialist, Betrüger. Er wolle bei der todkranken Oma den Stecker ziehen. Die Sparer ausplündern, Amerika zu einem volkseigenen Betrieb umbauen, in dem allein der Staat das Sagen habe. Er solle bloß die Hände von Medicare lassen.

Das erinnert hierzulande an Kurt Tucholskys älteren, aber leicht besoffenen Herrn, also an den gewöhnlichen Wahnsinn. (Wie würde sich dessen Suada in der letzten Woche unseres Wahlkampfes anhören?)

Was sehen wir auf der anderen Seite? Wir erleben einen Politiker, der gegen alle Vorhersagen und gegen die negativen opinion polls weiter bella figura macht. Der vor der Gipfel-Woche nach Troy ins Hudson-Tal reist, um dort in einem Community-College zu sprechen (das ist eine Kombination aus Berufsschule und Volkshochschule, ein Pfeiler im amerikanischen System der beruflichen Bildung und Weiterbildung). Keine 24 Stunden vor seiner Klimaschutzrede erzählt Obama davon, wie sein Konjunkturpaket den Wandel nach Troy bringt, langsam zwar und nicht gefeit gegen Rückschläge, aber mit der Aussicht darauf, einer neuen Generation neue Chancen zu geben, nachhaltige Chancen.

Aus der Sicht der Mainstream-Medien ist das bloß eine weitere belächelte oder verachtete Obama-Roadshow – so what …  Wer genauer hinschaut, könnte sehen und verstehen, dass in Troy die Fortschrittsschnecke beschleunigt, dass die Erneuerung Amerikas an vielen solchen Orten wie Troy in die Gänge kommt, dass 100 Mrd. Dollar für Investitionen in eine grüne Ökonomie einen Hebel ansetzen, dessen Wucht wir vielleicht in drei Jahren ermessen können.

Was sehen wir auf dem Klimaschutzgipfel der Vereinten Nationen? Wir sehen und hören den US-Präsidenten, der klipp und klar die Folgen des Klimawandels für die Politik aller Länder an die Wand malt, eine Rede, die in den vergangenen acht Jahren unvorstellbar gewesen wäre, eine Rede, mit welcher er auch Akteure seiner eigenen Partei adressiert, die sich einem überlebten Geschäftsmodell verpflichtet fühlen.

Wer über diese Rede mit dem Argument spottet, Obama solle endlich liefern und Taten sehen lassen, ignoriert, mit welch strategischer Disziplin dieser Politiker seine Agenda verfolgt. Auf dem Weg nach Troy mischte er sich in die Innenpolitik des Bundesstaates New York ein, machte dem amtierenden Gouverneur klar, dass er besser nicht mehr kandidiere. Aus dem Weißen Haus steuert Rahm Emanuel das Spiel, mit dem er für die Demokraten die Mehrheit im Kongress zurück erobert hat.

Alle Wackelkandidaten, alle zur Wiederwahl anstehenden Kongressmitglieder stehen vor der Wahl, Obama zu unterstützen – oder seinen Rückhalt zu verlieren. Wer Obama in diesen Tagen bei den Kampagnenauftritten für die Gesundheitsreform erlebt hat, weiß, dass er weiter der grandioseste Wahlkämpfer dieser Welt ist. Er beherrscht das Spiel der checks & balances in der amerikanischen Innenpolitik: normativ als Verfassungsrechtler, rhetorisch als oberster Motivator – und als Techniker, der gezeigt hat, wie man die Macht gegen alle Wetten erobert.

Die bella figura Obamas ist das Bild, das über den Tag hinausweist. Das ist nicht der zu klein gewachsene Hahnrei, der seine Freunde dazu vergattert, den Wanst von den Ferienfotos zu tilgen. Das ist nicht der Cavaliere, dem beim nächsten Facelifting die anderen Backen ins Gesicht hochgezogen werden. Das ist nicht der tigerlähmende Kalaschnikowski aus Moskau. Da sehen wir keine Mundwinkel, die bis zu den Knien herabgezogen werden als Ausdruck staatsfraulichen Sorgetragens.

Wir erleben in diesen Tagen, wie unverwüstlicher und pragmatisch geerdeter Optimismus aussehen kann, der in der tiefsten Krise seit mehreren Generationen dabei ist, sein Land zu erneuern.

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Let´s talk health care

23. Juli 2009

Wir befinden uns an einem kritischen Punkt. Die öffentliche Debatte in Amerika wird schriller. Ist Obamas Projekt einer umfassenden Gesundheitsreform Sozialismus oder Gebot ökonomischer Vernunft?

Die Republikaner wollen Obama scheitern sehen, sprechen von seinem "Waterloo". Das Ziel offenbart groteske Selbstüberschätzung, kein Wellington, kein Blücher in Sicht.

Gestern Abend gab der Präsident seine Pressekonferenz zum Thema Gesundheitsreform, heute ist er in Ohio – für ein Town Hall Meeting. Lassen wir Revue passieren, ob die Pressekonferenz Obama gestärkt oder eher geschwächt hat.

Dabei spielt auch eine Rolle (dank des grauenhaften Zustands der meinungsbildenden Medien in den USA), dass am Tag vorher der Harvard Professor Henry Louis Gates Jr. in seinem eigenen Haus von der Polizei festgenommen wurde. Der Präsident nahm sich die Freiheit, das Verhalten der Polizei von Cambridge dumm zu nennen, und erntet dafür einen heuchlerischen Sturm der Entrüstung. Denn ein Polizist, der einen Schwarzen festnimmt, handelt für diese Öffentlichkeit offenbar immer richtig.

Die Debatte wird auch dadurch nicht schöner, dass die sogenannten "Birther" Zweifel an der Echtheit von Obamas Geburtsurkunde säen. Die Kampagne dient der Delegitimierung des Präsidenten und macht ihn zum Freiwild. Mit der Wahl vom 4. November hat das Land seine hässlichen Seiten nicht verloren.

Zurück zum Thema. Schon der erste Satz Obamas beginnt mit einer Kurskorrekturr. "Before I take your questions, I want to talk for a few minutes about the progress we’re making on health insurance reform and where it fits into our broader economic strategy."

Es geht um die Reform der Krankenversicherung: eine kleine, aber entscheidende Kurskorrektur, nicht die Gesundheitsversorgung, sondern die Frage, wie sie finanziert wird. Da können die amerikanischen Bürger mitreden. Da wissen sie Bescheid.

Das semantische Handwerk des Framings beherrschen bisher die Konservativen Amerikas. Die Liberalen hatten seit Ronald Reagan fast kaum eine Chance, durch ein kluges scharfes Wort einen neuen Blick auf leidige Tatsachen  zu lenken. Sie verkämpften sich eher in peinlichen Defensiven. Mit Obama als oberstem Framer sieht das Spiel anders aus.

Sein Einstieg ist uns bekannt. Der Präsident legt wieder die Finger in schwärende Wunden: "And the fact is, even before this crisis hit, we had an economy that was creating a good deal of wealth for folks at the very top, but not a lot of good-paying jobs for the rest of America. It’s an economy that simply wasn’t ready to compete in the 21st century – one where we’ve been slow to invest in the clean energy technologies that have created new jobs and industries in other countries; where we’ve watched our graduation rates lag behind too much of the world; and where we spend much more on health care than any other nation but aren’t any healthier for it."

Wenn wir aus dieser Krise herauskommen wollen, so Obama, dann müssen wir unsere Wirtschaft stärker machen. Die Reform unserer Krankenversicherungen spielt dabei eine zentrale Rolle. Der schwarze Peter ist gesetzt. Wer gegen die Gesundheitsreform wettert, stoße das Land in eine tiefere Krise, riskiere explodierende Prämien und Haushaltsdefizite, schlimmer noch: 14.000 Amerikaner würden Tag für Tag ihre Krankenversicherung verlieren.

Zu Beginn seiner Erklärung wendet er sich an seine fellow citizens. Dann steigt er in den Ring gegen die politischen Gegner seines Projekts. Sie wollen sein Scheitern, sein Waterloo, ihn brechen: "

So let me be clear: This isn’t about me. I have great health insurance, and so does every Member of Congress. This debate is about the letters I read when I sit in the Oval Office every day, and the stories I hear at town hall meetings. This is about the woman in Colorado who paid $700 a month to her insurance company only to find out that they wouldn’t pay a dime for her cancer treatment – who had to use up her retirement funds to save her own life. This is about the middle-class college graduate from Maryland whose health insurance expired when he changed jobs, and woke up from emergency surgery with $10,000 in debt. This is about every family, every business, and every taxpayer who continues to shoulder the burden of a problem that Washington has failed to solve for decades."

Obamas Organizing For America Graswurzler sammeln solche Geschichten. Sie liefern Präzedenzfälle, Argumente für die Reform. Ihre Gegner reden von Sozialismus und davon, dass die Regierung die Oma sterben lässt, statt für sie zu sorgen. Das Weiße Haus mobilisiert außerdem die liberale Blogosphäre. Mit den Qualitätszeitungen in New York und Washington DC ist es nicht getan, die öffentliche Meinung zu gewinnen.

Das übliche Fragen- und Antwortspiel nach den einleitenden Bemerkungen Obamas zeigt die Kommunikationsstrategie des Weißen Hauses. Obama nimmt die Perspektive des kleinen Mannes ein, bricht das komplizierte Thema herunter, argumentiert als fiskalpolitischer Falke.

Der Präsident hat seinen Punkt gemacht. Die nächsten Tage werden zeigen, ob er die Meinung zu seinen Gunsten dreht – oder ob er durch zu hohe mediale Präsenz mehr verkauft, als er halten kann.

 

 

 

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Kreativer Zerstörer

30. Mai 2009

Diese Tage zwischen Christi Himmelfahrt und Pfingsten haben in Washington DC ihren eigenen Charme. Der Frühsommer lockt. Die Hurricane-Saison beginnt. Die nächsten Abgabetermine werden fällig. Man nominiert eine kluge Richterin für den Supreme Court, stellt durch die Auswahl der Kandidatin sicher, dass im Supreme Court jemand mit bester Erfahrung in internationalem Wirtschaftsrecht sitzt, wenn es in zwei oder drei Jahren zu dem einen oder anderen Großverfahren kommt, und paralysiert so nebenbei auch noch die Republikanische Partei. Oder liest den Cyberspace Policy Review . Zwischendurch noch ein paar Textbausteine aus der Wiedervorlage kopieren, in das Sendeformat einfügen und schon ist die nächste wöchentliche TV-Ansprache fertig. Nicht zu vergessen, dass vor der Abreise nach Saudi-Arabien, Ägypten, Deutschland und Frankreich die Gnadenfrist für General Motors abläuft. Dann schnell noch die deutsche Bundeskanzlerin düpieren und sie damit trösten, dass sie eine interessante Biographie habe,  was cher ami Nicolas (chacun sa merde!) zu Schadenfreudeluftsprüngen veranlasst, Sarkozys Variante der Kommunikation auf Augenhöhe.

Mit anderen Worten eine Woche wie geschaffen dafür, im schläfrigen Modus der parlamentarischen Pause ein paar Sensationen durchzuschmuggeln. Auch das White House Presscorps, sonst im Gibbs-Grillen geübt, hat das nicht mitbekommen.

Der Reihe nach: Die Abgeordneten und Senatoren haben Sitzungspause. Sie befinden sich in Town Halls oder sonstwo. Oder sie zerreißen sich das Maul über die SCOTUS-Kandidatin (der bodysurfer hat seine Empfangssekretärin ROTUS getauft – Receptionist of the United States). In dieser Woche startet Organizing for America, Obamas Campagneros, zwei Kampagnen: eine für Kandidatin Sotomayor, eine andere zum Thema Gesundheitsreform. Das ist die Fassade. Wieder werden die Graswürzler dazu aufgefordert, ihre Congressmen und Congresswomen und ihre Senatoren anzufeuern. Wieder sollen sie Geschichten aus dem Alltag der Gesundheitsversorgung Amerikas sammeln.

Wieder werden die Parlamentarier sich darüber beschweren, dass sie durch die wildgewordene Basis des Präsidenten von ihrem eigentlichen Geschäft abgehalten werden. Da kommt Musik ins Spiel. Ich darf mich bei der Gelegenheit wiederholen. Dem obersten Erzähler der Nation wird zugehört, weil das Volk in dem, was er erzählt, die eigene(n) Geschichte(n) wieder erkennt. Storytelling ist keine Methode, die darin besteht, irgendwas vom Pferd zu erzählen. Demokratisches Storytelling sagt methodisch tua res agitur!

Am Freitagnachmittag vor Pfingsten (Ausschüttung des Hl. Geistes, Reden in Zungen usw.), um  5.35 pm, also nach Redaktionsschluss der großen Medien und vor dem langen Wochenende, gibt Norm Eisen (was für ein guter Name!), der Ethikbeauftragte Obamas, neue Regeln bekannt für jeden Versuch der Einflussnahme auf die Vergabe von Mitteln aus dem Konjunkturpaket. Ausnahmslos alle Gespräche zwischen Regierungsangestellten und Personen gleichwelcher Herkunft (vorher galt das Gebot nur für registrierte Lobbyisten) sind zu protokollieren und im Internet frei zugänglich zu dokumentieren. Der oberste Missbrauchsverfolgungsschlapphut (wir erzählten von ihm) und Sheriff Biden haben sich in Schussposition gebracht. Noch ehe der Juni vorbei ist, werden sie ihre Strecke begutachten und mit der Dealisierung beginnen (um ein schönes Wort von Heribert Prantl zu benutzen).

Wer aus der europäischen Ferne den Schönredner Obama für ein Leichtgewicht hielt, hat dessen Autobiographie und sein Buch The Audacity Of Hope nicht gelesen oder übersehen, dass er eine Karriere als community organizer im Süden Chicago, ein paar Jahre parlamentarischer Arbeit in einem der korruptesten amerikanischen Bundesstaaten sowie dem US-Senat hinter sich hat, um gelernt zu haben, wie Einfluss genommen wird. Das Weiße Haus sammelt Kompromate und justiert seine Ziele für die Verhandlungen über das Klimaschutzgesetz und die Gesundheitsreform.

Der community organizer in chief hat in den ersten hundert Tagen seiner Amtszeit die Gutachten erstellen lassen (Afpak, Guantánamo, Autoindustrie, Klimaschutz, Bankenkrise usw.). Jetzt ergänzt er seinen Instrumentekasten und setzt die politische Agenda eines kreativen Zerstörers um.

Bisher undenkbar für die amerikanische Politik, was auf der Zielgeraden zum Konkurs von General Motors geschieht. Pressesprecher Gibbs setzt die Opfer der GM-Arbeiter mit den Forderungen der GM-Gläubiger gleich und legitimiert damit, dass sie nach Sanierung des Unternehmens ein dickes Aktienpaket der neuen General Motors erhalten.

Obama erneuert den Maschinenpark und das Produktsortiment der amerikanischen Volksrepublik, weil er erkannt hat, dass seine Agenda mit einem bypass des sklerotischen Corporate America nicht zu realisieren wäre.

Bei uns dagegen kommt das Retten maroder Zockerunternehmer in Mode. Die Bürgschaftszinsen aus dem Unternehmensergebnis solcher Wachkomakandidaten kann Herr Steinbrück schon jetzt abschreiben, während Herr Obama durch weitsichtigere und radikalere Politik in ein paar Jahren mit Milliardeneinnahmen rechnen kann.

Dann noch dieser Blitzbesuch von Dresden, Weimar und Buchenwald. Keine Phototermine, kein großer Bahnhof, kein rubbing shoulders in Fußgängerzonen, immerhin auch kein Besuch auf dem SS-Friedhof bei Bitburg, aber ein Besuch in Buchenwald, das der Großonkel Charles Payne befreien half. In Dreams From My Father erzählt Barack Obama Mitte der 90er Jahre, wie die kenianische Halbschwester Auma sein Deutschlandbild geprägt hat. Auma Obama hat in Heidelberg studiert und fand das nicht so lustig und putzig wie die japanischen Touristen.

Die sauertöpfisch anmutende Aura von Frau Merkel hat den amerikanischen Präsidenten noch nicht gewonnen. Dabei hat sie ihm sogar das Format der Town Hall Meetings abgeguckt. Ein bisschen mehr Charme könnte nicht schaden.

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