Common Ground
Vor ein paar Tagen schrieb ich darüber, wie Barack Obama als bodysurfer Widerstand in Vortrieb verwandeln kann. Ein gutes Beispiel dafür ist seine Rede für die Abschlussfeier der frisch Graduierten an der katholischen Notre Dame Universität.
Das Transkript des Weißen Hauses vermerkt auch die Zwischenrufe (stop killing children, abortion is murder). Die Proteste waren vorhersehbar, Jon Favreau hat eine Rede für Obama geschrieben, die kaum katholischer und kaum säkularer hätte sein können.
Sie reiht sich ein in die Saison der Abschlussfeiern an den amerikanischen Universitäten, vorher verabschiedete Obama auch die Graduierten der Arizona State University. Beide Reden sind – die Freiheit sei erlaubt – eine kluge Adaption von Churchills Blut, Mühsal, Schweiß und Tränen-Rede. Der Präsident, dem ap-Korrespondentin Jennifer Loven zu Beginn seiner Amtszeit vorgehalten hat, er rede das Land schlecht, versäumt nicht, die Herausforderungen dieser jungen Akademikergeneration drastisch zu beschreiben. "Ihr habt es nicht leicht, aber ihr habt die seltene Chance, beispiellose Herausforderungen zu bestehen."
Obama erinnert an seine Zeit als community organizer in Chicagos entindustrialisierter South Side, an seine erste politische Lektion, gemeinsame Interessen herauszufinden. Community organizing in der South Side (lesen Sie Dreams From My Father) steht in der Tradition der Bürgerrechtsbewegung, eine gute Gelegenheit für Obama, an die Kommission zu erinnern, die den Entwurf für den civil rights act von 1964 ausgearbeitet hat. Ihr gehörte der damalige Präsident der Notre Dame University an, der seine Kollegen zu einer Klausur nach Land O’Lakes, Wisconsin einlud. Dort fand fand Father Ted heraus, dass alle Kommissionsmitglieder passionierte Angler waren.
Ihr abendlicher Angelausflug hat die Blockade gelöst und schließlich Geschichte geschrieben. Das Beispiel hat Obama nicht an den Haaren herbeigezogen; es illustriert den Stil seines eigenen Politikmanagements. Das funktioniert nicht immer, auch nicht auf Anhieb (offenbar überhaupt nicht bei Israels Premier Netanjahu), aber es folgt einer Idee, die auch in Deutschland schon erfolgreich praktiziert wurde. Das Geheimnis besteht darin, Organisationen und Akteure mit gegensätzlichen Interessen gemeinsam als Geburtshelfer und Wegbereiter für neue Ideen zu gewinnen.
So hat Obama gestern auch seinen Auto-Gipfel gekrönt. Obamas hunting ground für gemeinsame Interessen sind die Commons, früher nannte man das hierzulande Allmende. Mehr und mehr wird deutlich, wie souverän er dieses Feld bespielt, um bornierte Partikularinteressen für eine neue Geschäftsgrundlage zu gewinnen. Das gelingt gewiss nicht allein durch charismatisches Reden. Aber mit der Alternative ihres Untergangs gewinnt Obama auch die Dinosaurier der amerikanischen Industrie für einen Neustart.
Währenddessen erleben wir hier, dass von Tag zu Tag mehr Unternehmen, Industrien usw. sich retten lassen wollen. Ihnen (und uns) fehlt ein Politikmanagement, das sie für das Ziel in Haftung nimmt, das Gemeinwesen insgesamt zu erneuern. In Angst vor dem Tod siechen sie lieber dahin, als die Ärmel aufzukrempeln. Wie jämmerlich!


Letzte Kommentare