Komparative Intelligenz
Politik und Problemlösungen sind in der Tat oft so schrecklich kompliziert, dass es ein bewährtes methodisches Instrument zu sein scheint, diese Komplexität in den Medien aufzulösen: Immer wenn man nicht mehr weiter weiß, locken die home stories, die Grillparties, dann lenkt man die Lupe auf Details, weil jede Idee fehlt, wo das große Bild zu finden ist.
Oder innerhalb kürzester Zeit, in dem einen Fall, bei Rahm Emanuel, dem Stabschef des Weißen Hauses, erscheinen in weniger als drei Wochen gleich mehrere riesige Stories in London, Washington und New York – und alle Welt fragt sich, ob das nun der Anfang vom Ende seiner Karriere sei und wer dahinter steckt. Die bisher für mich plausibelste Annahme scheint die einfachste, dass der erfahrene pragmatische Strippenzieher dazu beigetragen hat, Obamas Agenda davor zu bewahren, in Wolkenkuckucksheim zu landen.
In dem anderen Fall, bei dem in weiten Teilen der amerikanischen Öffentlichkeit verhassten Finanzminister Timothy Geithner, erscheinen ebenfalls fast zeitgleich zwei Hintergrundberichte, der eine im New Yorker, der andere, sehr viel ausführlichere im The Atlantic. Dieses Portrait könnte eines Tages in einem Kanonisierungsverfahren herangezogen werden: Denn es fehlt wenig, dadurch Herrn Geithner schon zu Lebzeiten heilig zu sprechen.
Das Porträt ist spannend zu lesen, es gibt viele Einblicke in prägende Lebensphasen und der Autor schildert manches auf eine sympathisch berührende Weise. In einem früher erschienenen Porträt Geithners erzählte ein Insider aus Barack Obamas Umfeld davon, dass Obama nach nur einem Gespräch mit Geithner bereit war, ihn zu nominieren. Der smarte Verfassungsrechtler sah in dem jugendlichen brillanten Kopf eine ähnliche Biographie. Auch er hat schon in jungen Jahren viel von der Welt gesehen. Sein Vater arbeitete unter anderem für die Ford Foundation, die auch die ethnologische Feldforschung von Obamas Mutter finanzierte.
Das erklärt natürlich fast nichts. Aber es wirkt wie ein Detail, das auf einer in Nanogramm wiegenden Waage den Ausschlag gibt, fast nicht messbare Vertrauensbildung, die intuitive Idee, dass in dem jugendlich wirkenden welterfahrenen Mann ein ähnlich ausgebildeter analytischer und komparativer Blick arbeitet, der ohne viel Worte zu machen die Basis für ein gemeinsames Verständnis ermöglicht. Eine Nuance, gewiss, nicht mehr, aber aufschlussreich, weil sie zu einer Personalentscheidung führte, die gewichtigere verdiente Parteipferde überging. Nicht das große Bild erzählt hier etwas, aber ein feines Detail.


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