Mit etwas mehr Distanz zur ersten Reaktion ist es ein interessanter Versuch, die West Point Rede Barack Obamas wieder zu lesen und anzusehen. Distanz und Wiederholung schärfen den Blick für diskrete Zeichen.
Maureen Dowd und andere haben Obama den Spitznamen Spock gegeben. Er ist nicht nur cool, sondern auch kalt. Tom Buhrow sagte bei unserer Diskussion in der Bremischen Bürgerschaft, dass er Bill Clinton für einen besseren Redner halte, weil der sein Publikum mit Warmherzigkeit gewinnen konnte. Anders als der bremische Umarmer Henning Scherf fand Clinton mit Worten den Weg in die Herzen seines Publikums, röhrte mit dem Raspeln seiner Stimme und rührte sein Publikum, in Ghana sogar einmal ein Millionenpublikum so sehr, dass selbst der Secret Service in Panik geriet.
Wenn Barack Obama spricht, klingt die Stimme und wirkt die Intonation oft kalt und herrisch, fast autoritär. Das Pendeln des Kopfes zwischen den beiden Screens des Teleprompters unterbindet direkten Blickkontakt zu seinem Publikum, eine fast hypnotische Bewegung, die aber die Wirkung der Hypnose verfehlt. Das ändert sich, selten, wenn Obama in den Predigerton wechselt, eine Klimax intoniert, wenn er im Kampagnenmodus spricht.
Die Bilder von Pete Souza zeigen Obama in einer Spock-Situation. In der Eliteschule des amerikanischen Offizierskorps wird er kühl empfangen. Letztens saß ich auf dem Flug zurück nach Berlin neben einer amerikanischen Soldatenehefrau, die nach den ersten freundlichen Worten über französisches und italienisches Essen irgendwann, gut durch mich manipuliert, auf die Politik zu sprechen kam. Die Regierung habe ihr und ihrem Mann mehrere Benefits gestrichen. Sie halten im Krieg ihren Kopf hin. Sie bekommen eine GI-Bill für die Zeit nach dem Ausscheiden aus dem Dienst. Aber das kurzfristige Signal ist ein diskreter Grund hinter der kühlen Kulisse dieses Grau-in-grau-Saales, warum Barack Obama mit seiner Rede keine standing ovations erhielt.
Meine Vermutung war richtig, dass Obama das Wort "Sieg" vermeiden würde. Er spricht von "efforts", "the nature of our commitment", "the scope of our interests" und "the strategy (…) to bring this war to a successful conclusion". Wir können uns, aus guten Gründen, keine Sportpalastrede Barack Obamas vorstellen: "Wollt ihr den totalen Sieg Krieg?"
Obama maskiert den rhetorischen Auftritt des "Kriegsnobelpreisträgers" (wie ihn Gabor Steingart genannt hat) so zivil, wie es nur möglich ist. Er streift die erbitterte Debatte über den Irakkrieg mit herabgedimmten Worten (the wrenching debate). Er verwandelt den Obersten Befehlshaber in den Chef-Controller, indem er an die Kosten dieses Kriegs erinnert (manche Kadetten im Saal können von der nicht bezifferbaren Seite berichten). Auch den Beschluss, diesen Krieg durch den Abzug bis 2011 zu beenden, dimmt er herunter auf "a responsible end". Kein Sieggeschrei, kein falscher Triumph, kein Blut, Schweiß, Mühsal, Tränen-Pathos, sondern in den wenigenFakten, auf die er sich bezieht, eine Rede, die deutlich macht, dass die Beratung (all this dithering, wie seine Gegner sagen) die Suche nach einer Alternative zwischen Pest und Cholera war.
Außer der deutschen "Linken" (ich will mich an diesen Parteinamen nicht gewöhnen, kann sie auch nicht ernst nehmen) gibt es keine politische Position, die begründen könnte, wozu ein sofortiger Abzug aus Afghanistan gut sein könnte. Dass Obama in seiner Rede den historischen Blick zurück auf den Irak (und kursorisch die sowjetische Kampagne) beschränkt, ist kaum erstaunlich. Sie findet in einer winzigen Nuance Ausdruck: "As a country, we’re not as young — and perhaps not as innocent — as we were when Roosevelt was President." In diesem Satz finden die Zeithistoriker der amerikanischen Counterinsurgency-Politik den Bogen zurück zu Präsident Carter und seinem Sicherheitsberater Brzezi?ski, der mit pakistanischer Hilfe die Taliban und Mujahedin als ihre Zauberlehrlingswerkzeuge ins Leben und zu den Waffen gerufen hatte. Dieser Satz dürfte die Eisenfresser-Neocons in rasende Wut versetzen. Aber er grundiert als gegenläufige Rückversicherung zur Eskalation des Kriegs das zivile Selbstverständnis Obamas.
Selbst die röhrende Rhetorik zum Ende der Rede enthält noch diesen zivilen Vorbehalt der Selbstbeschränkung – was einen Beobachter der Szenerie zu der Bemerkung veranlasst hat, dass Obama an diesem Abend die militärische Kulisse in einen Ivy-League-Hörsaal verwandeln konnte. Der Zweifel am "Erfolg" der Entscheidung bleibt – aber auch das Zugeständnis, dass die Intelligenz dieser Regierung sie davor bewahren möge, noch mehr zur Geisel der eigenen Geschichte und ihrer Teufelswerkzeuge zu werden.
Von Zufall kann keine Rede sein. Warum hat der politische Denker und Verfassungsrechtler Barack Obama die Militärakademie in West Point für die Afghanistanrede gewählt? Warum nicht den Kongress? Warum nicht das Weiße Haus?
In den letzten drei Monaten hat Obama zehn mehrstündige Sitzungen mit seinem Kriegsrat abgehalten – ein beispielloser Kraftakt des Expertengrillens. Die Rede gibt so gut wie keinen Blick frei auf die Deliberationen der Ratgeber. Wir wissen nur indirekt, aus dem einen oder anderen womöglich autorisierten Leck, wie Obama die öffentliche Meinung auf seine Entscheidung eingestimmt hat. In den Morgen-Nachrichten wird der oberste Skeptiker, Vizepräsident Joe Biden, den Chefverkäufer und spin doctor für die Auslegung der Rede geben.
Schauen wir sie uns genauer an:
Schon die Ansprache signalisiert (wie die Ortswahl) eine Umkehrung der Werte. Obama wendet sich (in dieser Reihenfolge) an das amerikanische Kadettenkorps, an die Frauen und Männer aller Teilstreitkräfte, an die amerikanischen Landsleute. Er umreißt den Gegenstand der Rede – den Krieg in Afghanistan – und erinnert daran, warum dieser Krieg nach dem 11. September 2001 begonnen wurde. Er erinnert an die fast einstimmige Autorisierung des Kriegs durch den Kongress, die Ausrufung des Bündnisfalls nach Artikel 5 des NATO-Vertrags sowie die Autorisierung durch den Sicherheitsrat der Vereinten Nationen.
Als Oberster Befehlshaber schlüpft er in dieser einleitenden Passage in den Talar des Juristen, mit einer kleinen Ungewissheit darüber, ob hinter der Figur des obersten Anklägers nicht auch bereits die Stimme eines Verteidigers spricht. Er setzt die Chronologie fort bis zu dem Zeitpunkt, zu dem die alliierten Truppen die Oberhand gewonnen hatten und das Land nach Jahrzehnten des Kriegs den Frieden nahen sah.
Jetzt schlägt Obama einen Haken, erweitert das Blickfeld um den zweiten Kriegsschauplatz im Irak. Dieser unnötige Krieg habe den fast sicheren Sieg in Afghanistan verspielt, unendlich viel Kraft und Geld vergeudet, die USA fast der ganzen Welt entfremdet. Bald werde, nach unendlichen Anstrengungen, der letzte amerikanische Soldat den Irak verlassen. Unterdessen aber habe al-Qaida in Pakistan Zuflucht gefunden, Afghanistan werde von Korruption, Drogenhandel, Unterentwicklung und Unsicherheit geplagt, weiter machten die Taliban gemeinsame Sache mit al-Qaida, terrorisierten Land und Leute (auch in Pakistan) und hätten Teile Afghanistan heute wieder unter eigene Kontrolle gebracht.
Diese Passage der Rede rechnet mit den Fehlern der Regierung seines Vorgängers ab. Ganz wird das Obama nicht gelingen, weil er sich selbst sehr früh festgelegt hat, den Afghanistankrieg als "notwendig" zu bezeichnen. Für nachwachsende Zeithistoriker können wir hier ein Giftdepot ausmachen, dessen Toxizität mit der Dolchstoßlegende der "im Felde unbesiegten" Reichswehr zu vergleichen ist. Der silberzüngige Friedensnobelpreisträger aka Kriegsherr wäscht seine Hände in nicht besonders tiefer Unschuld.
Er resümiert seine Kurskorrekturen und die jüngsten Erfolge – und damit sind wir nach windungsreichen Präliminarien in der unerfreulichen Gegenwart angekommen. "Yet huge challenges remain. Afghanistan is not lost, but for several years it has moved backwards. There’s no imminent threat of the government being overthrown, but the Taliban has gained momentum." (Ich muss das mal nachprüfen, ob die englische Sprache aus dem Wort "Taliban" ein plurale tantum oder tatsächlich ein banales Singularwort gemacht hat. Im Deutschen klänge das sonderbar, wenn Frau Merkel von "dem Taliban" spräche, oder?)
Diese Passage können wir rundherum als Manipulationsversuch verstehen. Übereinstimmend erzählen uns unabhängige Korrespondenten, dass Präsident Karsai ohne Gefahr für Leib und Leben seinen Palast nicht verlassen könne, dass die meisten zivilen Aufbauhelfer in ihren Quartieren blieben, dass im alltäglichen Straßenbild selbst gut Unterrichtete Freund kaum von Feind unterscheiden könnten
Weil das die schwächste Passage der Rede ist, wendet sich der Präsident nun direkt an sein leibhaftiges Publikum, die Kadetten in West Point, das Kanonenfutter für den Kriegsschauplatz in weiter Ferne. Sie haben sich freiwillig für den Militärdienst verpflichtet, mindestens für neun Jahre, manche von ihnen waren schon in Afghanistan. Ihnen, sagt Obama, fühle er sich verpflichtet, den Auftrag und die Ziele präzise zu definieren. "Now, let me be clear: There has never been an option before me that called for troop deployments before 2010, so there has been no delay or denial of resources necessary for the conduct of the war during this review period. Instead, the review has allowed me to ask the hard questions, and to explore all the different options, along with my national security team, our military and civilian leadership in Afghanistan, and our key partners. And given the stakes involved, I owed the American people — and our troops — no less." Warum ist der Oberste Befehlshaber an dieser Stelle so unsouverän? Es gibt Auguren, die die Amerikaner noch in 50 Jahren dort kämpfen sehen. Was spielen da ein paar Monate Deliberierens eine Rolle, wenn das Ergebnis den bisherigen Pfad scheinbar nur geringfügig korrigiert?
Auf diese schwache Passage folgt die Ansage, ohne Fanfaren, eher im Nebel eines delphischen Orakels, in der uns bekannten Eindeutigkeit eines NATO-Doppelbeschlusses, als paradoxe Intervention: Ich schicke 30.000 zusätzliche Soldaten, so schnell wie möglich und nötig – und in achtzehn Monaten kommen die ersten zurück. Hier wirkt der Falke des Kriegsherrn wie der verpuppte Held des Rückzugs, noch bevor irgendeine entscheidende Schlacht geschlagen ist. Kein Wunder, dass Gegenkandidat John McCain in diese Kerbe gehauen hat. Als Tigerkäfig-Insasse am eigenen Leib geschunden kennt McCain das Durchhaltevermögen von Gegenspielern Amerikas, die nach dieser Ansage nur die Stoppuhr stellen müssen.
Obama konzediert, dass nach acht Jahren Krieges gegen den Terror das eigene Land tiefer als je gespalten sei, dass die Große Rezession eine eigene Agenda des Nationbuildings im eigenen Land erfordere, dass jedes einzelne Opfer die Frage nach dem Sinn aufwerfe. Mit diesem Respekt erneuert und bekräftigt Obama das Szenario der Bedrohung für das Land: "So, no, I do not make this decision lightly. I make this decision because I am convinced that our security is at stake in Afghanistan and Pakistan. This is the epicenter of violent extremism practiced by al Qaeda. It is from here that we were attacked on 9/11, and it is from here (sic!???HH) that new attacks are being plotted as I speak. This is no idle danger; no hypothetical threat. In the last few months alone, we have apprehended extremists within our borders who were sent here from the border region of Afghanistan and Pakistan to commit new acts of terror."
Die Bedrohung sei tatsächlich weltweit, deshalb bleibe es das erklärte Ziel, al-Qaida als Bedrohung Amerikas und seiner Alliierten zu zerstören. Wir müssen den Druck aufrecht erhalten, sagt er – und das ist, in all der Beiläufigkeit dieses Halbsatzes, die gut versteckte Ansage eines zeitlich unbefristeten Kriegs gegen den Terror. Denn die Konfiguration des "Basislagers" erstreckt sich weit über das pakistanische Grenzgebiet hinaus in den Yemen, nach Somalia, in den Sudan.
Die Ziele des Kriegs in Afghanistan klingen im Vergleich zum März bescheiden: al-Qaidas Zuflucht verhindern, den Vormarsch der Taliban und ihre Bedrohung der afghanischen Regierung zurückwerfen, die Handlungsfähigkeit dieser Regierung und ihrer Sicherheitskräfte stärken. Nach allem, was die Korrespondenten berichten, sind diese Ziele auf Sand gebaut. Sie ergründen nicht die Frage nach dem einheimischen Personal, sie fragen nicht nach deren Handlungsmotiven, sie fragen nicht nach ihren Loyalitäten. Weder mit Gewalt noch mit Geld sind der eingebaute Zwiespalt und die wachsenden Vorbehalte in der afghanischen Bevölkerung zu überwinden.
Wer hat die Befehlsgewalt über besser ausgebildete afghanische Streitkräfte? Wie sehen ihre Loyalitäten im Konflikt aus? Im Juli 2011, wenn der Vorwahlkampf der nächsten Präsidentschaft beginnt, sollen die ersten amerikanischen Truppen aus Afghanistan zurückkehren. Die Verifikationsinstrumente für den zivilen Aufbau bleiben abzuwarten. Wer die wasserdichte Syntax von Evaluationsberichten oft genug gelesen hat, weiß, dass es sich auch dabei um eine oft fiktionale Textsorte handelt – ein weites Feld für kreative Umwidmer gleich welcher Herkunft tut sich da auf.
Die folgende Passage entspricht meiner Prognose. Amerika setze darauf, dass Afghanistan der Kriegswirren überdrüssig sei und einen eigenen Weg zur Befriedung finden werde. Was dem folgt, ist die bei weitem kryptischste Passage der Rede. Obama wendet sich dem Nachbarn Pakistan zu. Erfolg in Afghanistan sei unausweichlich an die Partnerschaft mit Pakistan gekoppelt. Es ist aufschlussreich, dass er aus der Sprache des Kriegsherrn, der Friedenstaube, des Verteidigers oder Anklägers nun in eine onkologische Terminologie wechselt: um erneute Krebswucherungen zu verhindern. Wie so oft, wenn Politiker in die Fachsprache von Wissensgebieten wechseln, die sie allenfalls aus ihrem alltäglichen Leidensumfeld kennen, verbergen sich die größten Risiken in der Ungenauigkeit der Übertragung. Onkologie hat Aussicht auf Erfolg, wenn die Primärgeschwulst radikal operiert worden ist (werden kann) und radiologische oder chemotherapeutische Behandlungen eine Neubildung von Sekundärgeschwulsten verhindern. Nehmen wir Obamas Bild ernst, können wir nüchtern feststellen, dass die Primärgeschwulst nicht operiert worden ist und nun allenfalls noch eine palliative Therapie das Fortschreiten der Erkrankung verzögern und die Leiden mindern kann. Das fehlerhafte Bild gibt einen realistischeren Blick auf die Lage, als der Redner intendiert hat.
Obama begrenzt sein terminologisches Problem und kehrt zurück in die Sprache der Realpolitik. Die Partnerschaft mit Pakistan sei bisher zu eng definiert worden. "Those days are over." Die künftige Partnerschaft fuße auf wechselseitigen Interessen, Respekt und Vertrauen. Die Reihenfolge ist aufschlussreich. Wir können angesichts der jüngsten Berichte über die Besuche von Hillary Clinton, General James Jones und Kollegen das erste Wort in der Trias als die maßgebliche Größe begreifen, aber ohne das wechselseitig, denn es geht um das amerikanische Interesse daran, dass pakistanische Nuklearwaffen nicht in die Hände von Terroristen gelangen. Alles andere ist disponibel.
Zum Schluss seiner Rede widmet sich Barack Obama einigen Vorbehalten und Einwänden. Afghanistan sei nicht mit Vietnam zu vergleichen, die Bedrohung sei eine andere, die Koalition der Alliierten eine andere Legitimationsgrundlage. Hier wird eine rhetorische Unredlichkeit offenkundig, die Obama bei anderen Gelegenheiten besser kaschiert. Baue einen Pappkameraden auf und hau ihn dann zusammen. Natürlich ist Afghanistan ein anderer Kriegsschauplatz, folgt der Konflikt anderen Linien. Aber der Boden dieses Kriegsschauplatzes bleibt ein doppelter Boden oder verwandelt sich in Treibsand, wenn man mit der Begrifflichkeit einer selbst gestellten Rationalitätsfalle von wenn-dann Sätzen die tatsächliche Komplexität reduziert – bis man ihr selber zum Opfer fällt. Es gibt eine metaphorische Parallelität der beiden Kriege. Norman Mailer hat Präsident Johnson vor den Begriffen seiner Militärs gewarnt. Obama adaptiert und kaschiert sie. Das ist der schlimmstmögliche Umgang. Denn er wird diesem Fehler selbst zum Opfer fallen.
Der zweite Einwand, ohne weitere Soldaten sich durchzuwursteln, wird von Obama als zu kostspielig verworfen. Das ist – in langer Sicht – das verheerendste Argument, das auf ihn zurückfallen wird. Auch wenn er an die Billionen-Defizite seines Vorgängers erinnert, werden ihm nun die Folgeentscheidungen zugerechnet. Die Kriegskosten werden Obamas Reformagenda auffressen.
Auch der dritte Einwand ist ein Pappkamerad. Die Befristung sei zwingend, denn Amerika könne es sich nicht leisten, auf unabsehbare Zeit und zu nicht vertretbaren Kosten dort Krieg zu führen. Seine Gegenspiele nehmen diese Worte in ihre Wiedervorlage. Sie werden Obama in den Ohren gellen.
Der Aufbau der Rede deutet darauf hin, dass Obama diese Entwicklung antizipiert hat. Er wechselt in die Rolle des innenpolitischen Staatsmanns. "Over the past several years, we have lost that balance. We’ve failed to appreciate the connection between our national security and our economy. In the wake of an economic crisis, too many of our neighbors and friends are out of work and struggle to pay the bills. Too many Americans are worried about the future facing our children. Meanwhile, competition within the global economy has grown more fierce. So we can’t simply afford to ignore the price of these wars."
Hier redefiniert Obama seine innenpolitische Agenda, adaptiert das konservative amerikanische Selbstbild der einzigartigen Nation, dessen Fundament allerdings erodiert sei und nun erneuert werden müsse. Die Weltmacht benötige künftig intelligentere Mittel und Instrumente, um ihre Interessen durchzusetzen. Diplomatisch, durch Heimatschutz und die Arbeit der Geheimdienste. So könne es gelingen, Kriege zu beenden und Konflikte zu verhindern.
Er appelliert an sein uniformiertes Publikum, das zum Abschluss einer Ausbildung einen Diensteid ablegen wird. Er erinnert in oratorischer Intonation an die amerikanischen Werte, die sie verteidigen werden. "Our union was founded in resistance to oppression."
Er räumt ein, dass das Land nicht mehr so jung und so unschuldig wie zu Roosevelts Zeit sei, beschwört den Bürgersinn des Landes, erinnert an die Einheit in Zeiten der größten Gefahr – die zudem noch nicht überwunden sei. Das Land sei weiter auf die Probe gestellt. "America — we are passing through a time of great trial. And the message that we send in the midst of these storms must be clear: that our cause is just, our resolve unwavering. We will go forward with the confidence that right makes might, and with the commitment to forge an America that is safer, a world that is more secure, and a future that represents not the deepest of fears but the highest of hopes."
Die Resonanz auf die Rede ist durchwachsen bis verheerend. Das ist kein Wunder. Das Land ist wirtschaftlich, kulturell und politisch tiefer zerrissen als je zuvor. Im Gegensatz zu den 60er Jahren, als eine optimistische Jugend antrat, sich auf das eigene Kommando vorzubereiten (rauchen ohne zu inhalieren, messing around usw.), sind die Zukunftsperspektiven der Menschen in ihren krisengeschüttelten Lebenswelten verhangen. Während eine Handvoll von Hoffnungsträgern und Projekteschmieden anfangen, den New Green Deal in die Tat umzusetzen, hängen viele andere paranoiden Verschwörungsideen nach.
Ein Kommentator erinnert an die Worte des jungen Vietnam-Veteranen John Kerry: "How do you ask someone to be the last American soldier to die for a mistake?" Ein Kollege fühlt sich an die Kriegsrhetorik George W. Bushs erinnert und nimmt die Position des Märtyers ein und schaut aus dem Bild des Jüngsten Gerichts in die zum Opfer bestimmten Gesichter der Kadetten. Ein historisch geschulter Beobachter sagt vorher, dass Obama seine Erzählvariante zur nationalen Sicherheit, sein narrative, nicht durchsetzen könne gegen die Republikaner: Demokraten hätten Kriege eskalieren lassen, Republikaner sie beendet. Die Afghanisierung sei genau so wie die Vietnamisierung zum Scheitern verurteilt.
Michael Brenner kritisiert die Ortswahl für die Rede als Quelle ihres symbolischen Scheiterns auf ganzer Linie. David Sirota fragt, wieviele Kadetten aus dem Publikum infolge der Strategie sterben werden und kommt zu immer zynischeren Ideen: dass wohl bald die Zahl der auf dem Schlachtfeld Gefallenen die Soldatensuizide wieder übertreffen könnten, und fragt, ob es glaubwürdig sei, wenn ein notorischer Trinker vor der Entziehungskur noch einen besonders tiefen Schluck aus der Pulle nehme.
Wie ein gespenstisches Echo klingt die Erklärung von General McChrystal nach der Rede: "We face many challenges in Afghanistan, but our efforts are sustained by one unassailable reality: neither the Afghan people nor the international community want Afghanistan to remain a sanctuary for terror and violence. The coalition is encouraged by President Obama’s commitment and we remain resolute to empowering the Afghan people to reject the insurgency and build their own future."
Wir ziehen ein skeptisches Fazit. Diese Rede stellt auf Dauer die politische Glaubwürdigkeit Obamas auf die Probe. Sie entfernt ihn von den Protagonisten, die seinen Wahlsieg ermöglichten, ohne dass ihm von anderer Seite Hilfe zuwachsen wird. Das smarte West Wing Team im Weißen Haus startet nun eine Spin-Offensive. Am Ende dieser Offensive werden sie ziemlich alleine dastehen.
Heute Nacht wird Barack Obama in der Militärakademie West Point seine Afghanistan-Rede halten. Die Rede wird die monatelange Beratung mit Militärs, Diplomaten, Mitgliedern der Regierung und des Kongresses beenden.
Womit können wir in dieser Rede rechnen? Wo stecken besondere Tücken?
Obama wird Ziele benennen und mit harten Kriterien präzisieren. Wie belastbar diese Kriterien sind, hängt davon ab, ob er dafür Worte jenseits von Sieg oder Niederlage findet. Wie schon im März, nun aber wohl wesentlich deutlicher, bleibt das Hauptziel die Vernichtung von al-Quaida. Für das kriegsgeschundene Afghanistan wird Obama beschreiben, welchen Nutzen alle davon haben, wenn das Land nicht mehr Schauplatz und Geisel für Konflikte zwischen externen Mächten sein wird. Obama wird auch darüber reden, warum viele Experten den Krieg für nicht gewinnbar halten. In der letzten Woche sagte er, dass es darum gehe, den Job zu erledigen (to finish the job).
Acht Tage vor der Verleihung des Friedensnobelpreises wird Obama den Prozess des Abwägens und Nachdenkens zum Thema machen und so eine rhetorische Asymmetrie zur Funktion des Obersten Befehlshabers inszenieren, damit die Versäumnisse seines Vorgängers ansprechen: erst unüberlegt und zu forsch und dann im entscheidenden Moment zu zögerlich gewesen zu sein – mit kaum bezifferbaren Folgekosten. Er wird darüber reden, dass man ihn als den großen Zauderer beschimpft – und in der Zögerlichkeit die Tugend (und Prärogative) des zivilen Obersten Befehlshabers gegenüber den Militärs markieren. Es ist wohl auch ein Unterschied zur Politik seines Vorgängers, dass man ihm bisher nicht den Vorwurf macht, das Volk zu belügen. Er wird den Friedensfürst geben – als nachdenklicher Kriegsherr.
Obama könnte auch eine semantische Front eröffnen: Die Taliban bezeichnen sich als Koranschüler. Was läge näher, sie dafür zu gewinnen, für ihr Land die Lektionen zu lernen, von denen alle was haben und so zwischen ihrem Tun und Lassen Zweifel zu säen? Obama kann den Taliban und ihren Hintersassen Alternativen anbieten: Jobs, Ausbildungen, Geld – Entwicklungprojekte für ihre Stammesgebiete. In dieser Option verbergen sich die größten Risiken: dass diese potenziellen Partner das eine tun, ohne das andere zu lassen – als Teilzeittaliban tagsüber Entwicklungshilfe und Schutzgelder zu kassieren und nachts die Sprengfallen für 10 Dollar das Stück aufzubauen.
Die Zweifel am Krieg wachsen besonders an der Heimatfront. Leser dieses Blogs wissen, welche Resonanz der Veteran und Diplomat Matthew Hoh mit seiner Kritik am Krieg gefunden hat. Hoh sagt, dass der Krieg nicht gewinnbar sei. Obama braucht eine belastbare Antwort auf diese Kritik.
Der Angelpunkt der Rede – und ihr größtes Risiko – wird ihr bereits bekannter "Doppelbeschluss" sein: die Truppen zu verstärken und gleichzeitig ein Ende ihres Mandats in Aussicht zu nehmen. Man hört davon, das soll im Jahr 2017 der Fall sein. Ob Obama so weit geht, dieses Datum zu nennen, bleibt abzuwarten. Der nicht nur rhetorische, sondern auch parteipolitische Trick könnte verführerisch sein: Ich will meinen Nachfolgern nicht einen solchen Augiasstall hinterlassen, wie ich ihn nun selbst ausmisten muss.
"und wovon man nicht reden kann, darüber muss man schweigen."
Dafür, dass der Gegenstand dieser atemraubenden Story Geheimoperationen sind, gibt es erstaunlich viele redselige Quellen und sehr präzise Ortsangaben. General McChrystal, schreibt der Autor, empfing als Chef der amerikanischen Joint Special Operations Command viele Befehle direkt von Vizepräsident Dick Cheney. Mit der Entscheidung, General McChrystal nach Afghanistan zu schicken, steht Barack Obama der Logik und Personalpolitik seines Vorgängers viel näher, als man vermutet hätte.
Vor fünf Jahren las ich in einer sanft im Atlantikwind schaukelnden Hängematte am Strand von Imbassaí (im brasilianischen Bundesstaat Bahia) den Roman "Jennifer Government" von Max Barry. So abwegig, wie diese Kolportage-Story auf mich damals wirkte, erscheint mir der Plot heute nicht mehr. Es ist alles nur eine Frage des subcontracting, um die Spuren zu verwischen. Wie wir wissen, ist einer der engsten Sicherheitsberater Barack Obamas, Mark Lippert, wieder "out there", da draußen unterwegs, als Navy Seal, mit der Mobilfunknummer vom Blackberry des Präsidenten.
Auch daran werden wir uns erinnern, wenn wir Dienstagnacht die Rede Barack Obamas zur Afghanistanstrategie lesen.
Die Inhaberin der obersten Befehlsgewalt im Ernstfall hat mit einer Regierungserklärung vom 8. September die politische und rhetorische Blaupause geliefert. Damals hat die Bundeskanzlerin ihren Minister Jung nicht im Regen stehen gelassen. Aber sie hat vorgeführt, wie das Bombardement von zwei Tanklastzügen im Kunduz-Fluss politisch und militärisch einzuordnen und in der Gesamtwürdigung rhetorisch zu verarbeiten war.
Der Vortrag von BM Jung am Donnerstagabend vor dem Deutschen Bundestag war ein Vortrag aus der Akten-Registratur, ergänzt um eine Chronologie seiner Erklärungen. Diese Erklärungen waren schon im September unzureichend. Alle großen internationalen Zeitungen hatten sehr früh und detailliert über die zivilen Opfer berichtet. Herr Jung hat aus einem ganz einfachen Grund es nicht mehr für nötig gehalten, die rhetorische Nachhilfestunde durch die Bundeskanzlerin aufzuarbeiten. Er wusste, dass er nicht zu halten sein würde.
BM Jung hat vor dem Parlament zu Protokoll gegeben, dass sein Kenntnisstand ein Unkenntnisstand war.
Der Zeitpunkt und die Regie dieser Geschichte sind aufschlussreich. Während der amerikanische Präsident in diesen Tagen trotz der Thanksgiving-Völlerei seine Afghanistan-Rede vor der Militärakademie in West Point vorbereitet (am nächsten Dienstag) und die Bundesregierung den Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr fortsetzen will, nehmen die Sozialdemokraten (deren letzter Verteidigungsminister vor sieben Jahren gesagt hat, die Sicherheit Deutschlands werde auch am Hindukusch verteidigt) Reißaus.
In ihrer Mitte gibt es einen aktenfressenden Kenner der Materie, der sich in der Debatte auffällig zurückgehalten hat. Sein Mentor hat erfolgreiche Regierungskommunikation mal mit "Bild, BamS und Glotze" zusammengefasst.
Damit kann man offenbar auch Opposition machen. Rette sich, wer kann!
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