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Bravo! Ein Todesurteil

Im ICE von Berlin nach Köln, aus Versehen im Zugteil über Düsseldorf, dort ein Anruf vom Hausarzt meiner Mutter. Sie habe einen Gefäßverschluss und müsse sofort ins Krankenhaus. Ich bin vor ihr da. Sie wird, fast unentdeckbar auf der Liege, hereingeschoben, eine Schrumpfgreisin, Meisterin in der Kunst des Verschwindens. Der Arzt bestätigt die Diagnose. „Wir müssen Ihrer Mutter das Bein amputieren.“

Was heißt eine solche Operation, nach Jahren des Siechtums? Wir hatten sie schon oft für so gut wie tot gehalten, wobei es ihr manchmal auch gelungen war, uns hinters Licht zu führen, den gestorbenen Schwan vorzuspielen, aber dann reichte ein scharfer Ton, sie in das Leben zurück zu kommandieren, das sie fast nur noch verdross. Im Leiden blühte sie auf. Das dramatische Kranksein war ihr Bühne für Leib und Seele.

„Nein“, sage ich. „Sie werden ihr nichts amputieren.“ Als Bevollmächtigter meiner Mutter verweigere ich das Einverständnis, will nicht noch einmal erleben, wie sie mit dem Tod ringt, wie sie ihm vielleicht sogar davonkäme, um mit nur noch einem Füßchen den Rollstuhl zu bewegen, vermutlich fände sie das elegant, ein spätes Sitzrollererlebnis. „Nein“, sage ich. „Sie hat genug hinter sich.“ Der Arzt wechselt das Register, freundlich, klar. „Ihre Mutter wird nicht zu leiden haben.“

Ich begleite sie in das Zimmer. Im Fahrstuhl wacht sie auf. Ich sage ihr, dass ihr nichts amputiert werde. „Bravo“, sagt sie, ein Wort, das in der Liste letzter Worte selten sein dürfte, Szenenapplaus in einem Einakter, in dem sie, schon auf dem Weg ins Grab, noch einmal als Hauptdarstellerin elegant ins Parkett wechselt und mich auf die Bühne ihres Sterbens zwingt. Bravo.

Draußen der Rhein. Ein trübkalter Oktobernachmittag. Ich sitze an ihrem Bett, halte ihre Hand, manchmal drückt sie meine. Mit der anderen Hand stelle ich ein Musikprogramm für sie zusammen. Letzter Dank für Abende, die ich an ihrer Seite im Robert Schumann Saal verbrachte. Den Anfang macht der Actus Tragicus.

Ach Herr,
lehre uns bedenken,
daß wir sterben müssen,
auf daß wir klug werden.

Der Akku des Geräts geht aus. Mein Neffe bringt später ein Netzteil mit. Die Stationsschwester schiebt ein zweites Bett ins Zimmer, für mich. Draußen ist es dunkel geworden. Ihr Atem ist flach, leise. Nur beim Umbetten durchfährt sie ein tiefes Stöhnen. Das wäre der Soundtrack ihrer vorletzten Nacht, wenn jetzt nicht von fern ein Wummern herankäme, die letzte Düsseldorfer Rollnacht in 2012. Sie wummert heran, zieht in peinigender Länge unten am Rheinufer vorbei, und es dauert eine Ewigkeit, bis die Bässe in der Ferne endlich verklingen. Dazu synkopisches Stöhnen aus den anderen Zimmern.

 

Mit Fried´ und Freud´ ich fahr dahin.

 

Ich lache und weine, als die Altstimme einsetzt. Noch fährt sie nicht dahin. Ihre Pflegerinnen bitten mich, die Sterbende zu ihnen ins Heim zurückzubringen. Im letzten Jahr sind sie Eltern und Kinder meiner Mutter geworden.

 

Auch sie wollen Abschied nehmen.

 

Dieser Text erschien im März 2015 im ebook des Frohmann Verlags „Tausend Tode schreiben„.




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