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Artikel Tagged ‘Christian Wulff’

Rites de passage

9. März 2012

So ist es vollbracht. Doch was genau? Ein AbschiedVorfreude

Patrick Bahners hat gestern Abend das Ritual als Haltungsbeweis gewürdigt. Die abgezirkelte Choreographie des Großen Zapfenstreichs rückt auch den abtretenden Bundespräsidenten zurück ins Glied.

Es passt wirklich: denn im Zudecken solcher Widersprüche, im Unsichtbarmachen der Privatperson besteht der Sinn des Zeremoniells, das zu Ehren von Amtsträgern veranstaltet wird.

Das Ritual bildet den Rahmen, durch den die Zeugen in die Geschichte eintreten. Nehmen wir in George Lakoffs Nachfolge das Framing so ernst, wie es sich gehört. Versuchen wir, sichtbar zu machen, was im Ritual abseits der neu geborenen Privatperson Wulff in den Blick gelangt. Überhören wir das seinsvergessene Geschwafel der Moderatoren (ich sah das bei phoenix, wo der Moderator einen Tagesspiegelredakteur als höhnisch schwadronierenden Sidekick brauchte). Mehr…

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Politische Botanik

17. Februar 2012

Die Rücktrittsrede Christian Wulffs illustriert ein letztes Mal seine schräge Rhetorik.

Die ersten Worte bezeugen einen historischen Filmriss im Tempus der vollendeten Gegenwart:

gerne habe ich die Wahl zum Bundespräsidenten angenommen und mich mit ganzer Kraft dem Amt gewidmet.

Wie so oft schreit der nackte nüchterne Indikativ danach, durch Verneinungsprobe geprüft zu werden. “Ungern habe ich die Wahl…. angenommen und mich mit halber Kraft usw.” Tatsächlich ist das ein Satz aus dem Advokatesischen. Er begründet Wulffs Rechtsanspruch auf den Ehrensold.

Hinter der Fassade lauert die Tücke des Details. Der Satz kommt aus dem rhetorischen Bausatz für Nachrufe. Nachrufe zu Lebzeiten, die einer auf sich selbst hält, sind Zombierhetorik. Aus Wulffs Binnensicht der eigenen Affäre die einzige Möglichkeit, Rache an den Medien für die Kampagne gegen ihn zu nehmen. Ihr habt mich zu dem gemacht, der ich heute bin: ein Untoter. Mehr…

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Ranzige Rhetorik

30. Januar 2012

Heute veröffentlicht Dr. Vazrik Bazil, der Präsident des Verbands der Redenschreiber deutscher Sprache, auf der Webseite des VRdS eine Kolumne, die Kolumne des Präsidenten.

In letzter Zeit debattiert die Öffentlichkeit ausgiebig über die Macht und Ohnmacht der Rede. Der Anlass, den der Bundespräsident dazu gegeben hat, greift aber über seinen Fall, wie man ihn auch beurteilen mag, hinaus und wirft grundsätzliche Fragen zur Kraft des Wortes auf.

Der Kolumnist hält es nicht für erforderlich, seine These zu belegen. Er hält Referenzen für entbehrlich. Der Auftakt verstellt den Blick auf den Sachverhalt, über den er vorgeblich schreibt.

Wer diskutiert wo und warum "über die Macht und Ohnmacht der Rede"? Was gibt dazu den Anlass? Eine Rede, durch die der Bundespräsident sich hervorgetan hätte? Oder eine Rede, mit der er hinter seinen Möglichkeiten geblieben wäre? Weder das eine noch das andere. Auch äußert sich Bazil nicht über den Anlass oder den Fall. Er verzichtet darauf, um sogleich von "der Kraft des Wortes" zu schreiben, eine abgegriffene Beschwörungsformel zum Dienstleistungsangebot der Redenschreiber, die durch häufigen Gebrauch nicht überzeugender wird. Mehr…

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Vom Ende einer Geschichte

16. Januar 2012

Francesco Schettino, Kapitän der Costa Concordia, können wir mit der gebotenen Distanz dafür danken, mit dem Schiffbruch seiner "Küste Eintracht" ein Sinnbild für das frühe 21. Jahrhundert geliefert zu haben. Fast genau einhundert Jahre nach dem Untergang der Titanic setzt er seinen Superkahn auf Grund und ist schnell – als erster – von Bord und an Land.

Was bezeugt diese Einsicht, dass jeder sich selbst der nächste sei? Die Erosion von Funktionssystemen? Das Versagen einer Führungskraft? Den Verfall von Werten? Es ist so kurios wie abstoßend. Es geht um alles und nichts. Die Dialektik des 21. Jahrhunderts führt nicht mehr zu einem Umschlag, zu einer neuen Stufenleiter, zu einer Dynamik. die man früher einmal Fortschritt genannt hätte. Sie schlenkert unvorhersehbar wie ein aus der Seilführung gesprungenes Bungeeseil durch die Gegend. Unten warten Krokodile. Mehr…

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Ars Oblivionis

11. Januar 2012

Michael Angele denkt im Freitag darüber nach, ob die Causa Wulff nicht inzwischen einen Punkt erreicht hat, an dem es sich lohnte, darüber nachzudenken, sie bzw ihren Protagonisten  zu vergessen.

Nach Kants Tod fand man die handschriftliche Notiz: „Der Name Lampe muss nun völlig vergessen werden.“ Die Ungereimtheit fiel schnell ins Auge: Das Aufschreiben dient doch gerade dazu, etwas besonders gut im Gedächnis zu bewahren! Dass Kant das Gedächtnis bemühte, um etwas zu vergessen, schien eine üble contradictio in adiecto zu sein, ein Widerspruch in sich selbst, der einem Professor der Logik im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte nicht zuzutrauen ist. Zumal Kant ein hervorragendes Gedächnis hatte.

Was wäre das für eine Situation für den Amtsinhaber, einer gesellschaftlichen ars oblivionis zum Opfer zu fallen?  Wenn die Zivilgesellschaft aus Gründen der Selbstachtung dazu über ginge, auf Einladungen an das Bundespräsidialamt zu verzichten. Vielleicht sogar bereits ausgesprochene Einladungen zurückzöge? Und Einladungen zu Veranstaltungen ins Bellevue als einer Ruine der Selbstvergessenheit nicht Folge zu leisten?

Es gehört zu den Unsinnigkeiten einer juristischen Sklerose, durch starren Blick auf die im Grundgesetz vorgesehenen Routinen die Unentfernbarkeit Wulffs zu konstatieren.

Die zivileren Mittel scheinen mir effektiver. Die einseitige Kriegserklärung  bzw. das Räsonnement, wie der amtierende Bundespräsident gedenkt, seinen Privatkrieg gegen einzelne Medienhäuser zu führen, könnte ebenso dazu führen, dass alle anderen Medien Einladungen zu Hintergrundgesprächen, Pressekonferenzen und anderen öffentlichen Terminen nicht mehr folgen.

Lassen wir Wulff allein im Bellevue!

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