Gelangt ein neues Objekt aus der wilden Weite da draußen zum ersten Mal vors Fernglas, vor die Kamera oder unter das Objektiv, schaut jeder Interessierte sich das sehr genau an. Das gilt für rattengroße afrikanische Schnecken in Florida genau so wie für habilitierte politische Exoten in Deutschland. Die am Sonntag in Berlin gegründete neue Partei "Alternative für Deutschland" macht da keine Ausnahme.
In ihrem Wahlprogramm, nur knapp länger als drei Seiten, sticht eine Besonderheit ins Auge, die es wert ist, genauer betrachtet zu werden:
Peter Sloterdijk im Gespräch mit Peter Voß. Ein instruktiver Blick auf Wissenschaft und Politik. Zu Europa findet er ein phänomenologisch wie analytisch zupackenderes Bild als die Rede des Bundespräsidenten: Die Politik trete "die Flucht nach vorn" an. Gaucks Rede kann infolge des Zusammenwirkens des Bundespräsidenten mit der Bundesregierung kaum mehr als zivilgesellschaftlich frommes Wünschen auf den Weg bringen. Die Ernüchterung der Politik findet ihren subtil dramatischeren Ausdruck in der Regierungserklärung der Bundeskanzlerin von gestern.
Germany’s disciplinarian imposition of the greatest austerity upon the weakest of Europeans, lacking any plan for countering the resulting asymmetrical recession, is a sorry and dangerous leftover of a long-gone world order built by America. It is the result of a mental atrophy caused by a United States acting for too long as the over-protective parent. It will backfire with mathematical precision, causing higher debt-to-income ratios and lower economic dynamism throughout Europe. The time is, therefore, ripe for a Gestalt Shift from an authoritarian to a hegemonic Germany. Europe needs a Germany ready and willing to make this shift and, indeed, so does Germany.
Das Axiom der Bundeskanzlerin "Scheitert der Euro, scheitert Europa" gelangt analytisch an sein Laufzeitende. Ihren Satz lese ich nicht als politische Selbstbindung, sondern als eine Entfesselung. Zu welchem Zweck, das bleibt noch ungewiss. Schneidend die Antwort des SPD-Kanzlerkandidaten Peer Steinbrück auf die Regierungserklärung.
Noch ist die Idee eines europäischen "New Deals" zu vage, wären auch die operativen und regionalpolitischen Ziele zu definieren, die einer solchen Idee mehr Substanz verliehen, als eine bloße Geldkanone abzuschießen. Es bleibt, wie unter Tropfenfolter, daran zu erinnern, was unter unseren Augen immer dramatischer Gestalt gewinnt: die Ausbildung einer vertikalen und horizontalen Disparität von Lebensbereichen (eine Formulierung von Claus Offe von 1974).
So entsteht eine Zone der Rechtlosigkeit, genauer: des Inkaufnehmens von massenhaften sozialen Opfern. Offe sprach 1974 von den leitenden Prinzipien für die Regelung sozialer Konflikte: der Organisationsfähigkeit infolge gleich liegender Interessen sowie der Konfliktfähigkeit als Ausdruck für die Drohung, Leistungen zu verweigern, um damit Organisations-Ziele durchzusetzen.
Wir befinden uns in Europa heute in einer Situation, in der diese beiden zivilgesellschaftlichen und sozialen Errungenschaften durch die Kabinettspolitik faktisch entwendet werden: für einen unerklärten Krieg gegen die schweigend in Kauf genommenen Opfer mit der Folge einer rapide zunehmenden anomischen Rechtlosigkeit.
Die von Sloterdijk beschriebene "Flucht nach vorn" wirkt so bedrückend, weil in diesem "vorn" kein Ziel erkennbar wird, es sei denn als Flucht vor den Ergebnissen (und Versäumnissen) der eigenen Politik: Rette sich, wer kann. Der Hegemon, das ist die kuriose Seite der dramatischen Situation, scheint noch Verhandlungen mit sich selbst zu führen in der irrigen Annahme, seiner Aufgabe irgendwie zu entkommen.
Heute veröffentlicht Dr. Vazrik Bazil, der Präsident des Verbands der Redenschreiber deutscher Sprache, auf der Webseite des VRdS eine Kolumne, die Kolumne des Präsidenten.
In letzter Zeit debattiert die Öffentlichkeit ausgiebig über die Macht und Ohnmacht der Rede. Der Anlass, den der Bundespräsident dazu gegeben hat, greift aber über seinen Fall, wie man ihn auch beurteilen mag, hinaus und wirft grundsätzliche Fragen zur Kraft des Wortes auf.
Der Kolumnist hält es nicht für erforderlich, seine These zu belegen. Er hält Referenzen für entbehrlich. Der Auftakt verstellt den Blick auf den Sachverhalt, über den er vorgeblich schreibt.
Wer diskutiert wo und warum "über die Macht und Ohnmacht der Rede"? Was gibt dazu den Anlass? Eine Rede, durch die der Bundespräsident sich hervorgetan hätte? Oder eine Rede, mit der er hinter seinen Möglichkeiten geblieben wäre? Weder das eine noch das andere. Auch äußert sich Bazil nicht über den Anlass oder den Fall. Er verzichtet darauf, um sogleich von "der Kraft des Wortes" zu schreiben, eine abgegriffene Beschwörungsformel zum Dienstleistungsangebot der Redenschreiber, die durch häufigen Gebrauch nicht überzeugender wird. Mehr…
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